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Es war Sonnabend, und doppelt auffallend war die Stille im Pfarrhauſe, denn der Pfarrer ſtudirte ja heut an ſeiner Predigt; das war fuͤr des Pfarrers Kinder, ſchon als ſie noch kleiner waren, ein ſicher Ruhe gebietender Beweggrund, und jetzt hatten ſich alle Glieder des Pfarrhauſes ſo an dieſe Sonnabendsſtille gewoͤhnt, daß keines ſie ohne Noth verletzte, ja ſelbſt die Ge⸗ meindeglieder belaͤſtigten Sonnabends den Pfarrer nie ohne Noth mit andern Arbeiten.—
Jetzt ward's auch in dem Schulhauſe lebendig. Die Schulkinder wanderten in kleineren oder groͤßeren Truppen uͤber den Kirchhof, und aus der Schulſtube erſchallte das bald leiſere bald lautere Geſumme der kindlichen Stimmen, bis es auch da ploͤtzlich ſtill ward, denn der Schullehrer war eingetreten, um ſeine Arbeit fuͤr die Gemeinde, die Erziehung ihrer Kinder zu Chriſten und Staatsbuͤrgern, zu beginnen, und bald erklang, ſtatt des Geſummes, von den zahlreichen Kinderſtimmen:
„Dir ſei Preis, ich lebe wieder Vater, und empfinde mich.
Mit mir wachen meine Lieder,
Und erheben dankbar dich;
Denn dein Aug' hat in der Nacht Ueber mich, dein Kind, gewacht.“
„Mache doch das Fenſter auf, Thomas“— ſagte die leiſe Stimme der kranken Frau des Todtengraͤbers Thomas, welche in dem Unterſtuͤbchen des Hauſes neben der Schule lag;—„es klingt der Geſang doch gar ſo ſchoͤn.“
Der Alte that's, und ſetzte ſich dann neben das Bett der
Kranken, und ſang leiſe das ihm wohlbekannte Morgenlied nach:—
„Wenn ich einſt vollendet habe
Dieſe meine Pilgerzeit,
Ruh' ich auch alſo im Grabe,
Same für die Ewigkeit.
Auch in dieſer langen Nacht
Wird mein Staub von dir bewacht.“—
„Mit mir wird's wohl bald zu Ende gehen“— ſagte die Frau, als jetzt der Geſang in der Schule ſchwieg;—„Vater,“ fuhr ſie fort,„Du machſt mir doch ſelber das Grab, dorthin, neben meine ſelige Mutter?“—
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