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die zwar nicht ausgeſprochen wurde, für ihn aber lesbar war in dem ſtrahlenden Geſichte, das nun zu ihm aufſah! Und nicht bloß die Freude über ſeine Rückkehr that ihm wohl, weit mehr noch die Leichtigkeit, mit welcher dieſe provengaliſche Natur ſich jedem angenehmen Eindrucke hingab und ſtets jene Offenheit für das Glück an den Tag legt, die ihm vom erſten Augenblicke an aufgefallen war und ihn entzückt hatte. 8 Für Diejenigen, welche viel gelebt haben, ob vor der Zeit, oder im natürlichen Verlauf der Jahre, liegt ein großer Reiz in der Lebhaftigkeit und der Elaſticität jüngerer Geiſter und Herzen. Ein ſanftes, ruhiges und weit vollkommeneres Weſen als Nathalie würde weit nicht den Eindruck auf Herrn von Sainvilles Gefühle gemacht haben, der ſelbſt ſo ruhig war, daß er des beſänftigenden und etwas abkühlenden Einfluſſes nicht bedurfte. Nathalie war für ihn, was die Sommerluft für einen Reiſenden,— kräftig, friſch und belebend, aber nicht kalt, die heiße Glut des Mittags dämpfend, und die Muͤdigkeit des Körpers und des Geiſtes am Abend bannend.
— Sie hatte aufgehoͤrt zu ſprechen, vielleicht weil ſie das ſchlafende Stiftsfräulein zu erwecken fürchtete, viel⸗ leicht weil andere Gedanken in ihr aufgeſtiegen waren. Herr von Sainville beugte ſich herab und ſah ihr in das Geſicht; das Kaminfeuer beleuchtete ihr Geſicht; es war etwas ernſt, aber keine traurigen Gedanken ſchienen ſie zu beunruhigen, als ſie am Kamine ſaß, ihr Blick auf die glühenden Kohlen fiel, und die Hände ſich um die Kniee falteten. „Woran denkſt Du?“ fragte ihr Gatte, indem er ſeine Hand leicht auf ihre Schulter legte. 3
4 Sie ſah langſam auf und lächelte. „Ich dachte daran, daß es jetzt zwei Jahre iſt, ſeit ich dieſes Haus betrat— dieſes Zimmer— und mich hiieer niederließ, wo ich jetzt fitze; wunderbar, daß es zwel 1 voller Jahre bedurfte, um mich ſo glücklich zu machen.“
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