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Lebens, aber ſie ſtrahlte in der erſten Friſche der Jugend. Er wünſchte keineswegs, ihrem noch ſo kurzen Leben einen Tag zuzuſetzen oder eine ſtrengere Linie auf ihrer jugend⸗ lichen Stirne zu ſehen; ſie geſtel ihm ſo und geſtel ihm nur zu ſehr, wie er ſich zugeſtehen mußte; aber trotz alle 4 dem ſchlich ſich der Zweifel bei ihm ein, es möchte ein Tag kommen, an welchem Nathalie ihre Wahl bereue und wünſche, einen jüngeren Mann geheirathet zu haben. Er ſchloß die Thüre; Nathalie ſah auf, eilte ihm lebhaft entgegen, und in dem Erröthen ihres freudi⸗ gen Erſtaunens, das ihr Geſicht aufheiterte, in der un⸗ ausſprechlichen Freude, die aus jedem ihrer ausdrucksvollen und belebten Züge ſprach, lag etwas, das einen weit reiz⸗ bareren Geiſt beſänftigt, und weit peinlichere Zweifel ver⸗ bannt hätte. In der Jugend, wenn das Herz von Na⸗ tur freigebiger, weil es reicher, iſt die gegebene Liebe oft die Quelle größeren und gewiß auch reineren Glückes, als die empfangene Liebe; aber wie die Jahre vergehen, wie das Herz, gleich einem üppigen Verſchwender, arm, ſelbſtſüchtig und müde wird, kann nichts die Wonne über⸗ treffen, mit welcher es die kleinſten Zeichen einer reinen und aufrichtigen Neigung aufnimmt. Es iſt eine Weiche heit, gegen welche der Verſtand wenig vermag und frühee Erfahrung noch weniger. Wenige hatten ſtärker an menſch⸗ licher Liebe gezweifelt, als Herr von Sainville; Wenig hatten gegründeteres Recht auf ihren Zweifel, und doch gab vielleicht Niemand bereitwilliger ſich dem Vergnügen hin, jede Regung der Liebe zu beobachten, die er anfange unbewußt eingeflößt und dann ſorgſam in dem Herzen des jungen Mädchens gepflegt hatte, die jetzt ſeine Frau war 3 Als er ſich ſtill niederſetzte, um ſeine Tante nich! 3 aufzuwecken, und Nathalie auf dem niederen Stuhle zu ſeinen Füßen Platz nahm, ſagte ſie zwar nicht, ſeine un⸗ erwartete Rückkehr freue ſie, aber ihre geroͤtheten Wangen und leuchtenden Augen, der Fluß ihrer pikanten Rede und die Unruhe ihrer Bewegungen verriethen ihre Freudo.
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