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vb Kummer oder Glück ihrer harre, ſo wußte ſie doch, daß es für ſie nur einen Kummer, wie nur ein Glück geben könne. Wovon träumte ſie denn? Von den ruhigen häuslichen Freuden des Weibes; von der Abweſenheit ihres Mannes und ſeiner Rückkehr, welche ſie am andern Tage erwartete; von freundlichen Worten und ſüßen Schmeichelelen, von Winterabenden am Kamine, von langen Sommermorgen im Garten, und von einem ganzen Daſein, das mit der gleichen Ruhe und Behaglichkeit dahinfließe. Es dauerte einige Zeit, ehe ſie das Fenſter verließ und an den Kamin zurückkehrte. Das Stiftsfräulein lag in tiefem Schlafe; das Feuer ſtrmte eine behagliche und lebhafte Warme aus. Nathalie ſetzte ſich auf einen nie⸗ deren Stuhl; ſie lächelte vor ſich hin und gedachte der Winterabende, wo ſie mit einem Buche auf dem Schooße daſaß, das jetzt noch ungeleſen war. Dann erinnerte ſie ſich der Zweifel und Sorgen und der Trennung, des Schmerzes, den ſie am Buſen einer Schweſter ausgeweint, ſder Stimme, welche ſie immer mit reinem und frommem KRathe getröſtet, des ruhigen Sterbebettes und des einſa⸗ ſmen Grabes auf dem kleinen Kirchhof von Sainville. ee war ſo tief verſunken in dieſe Erinnerungen, daß ſie Hufſchlag eines Pferdes in der Allee und einen Au⸗ nblick ſpäter das Oeffnen der Salonthüre nicht hörte. is war Herr von Sainville, welcher eintrat. Er blieb inen Augenblick auf der Schwelle ſtehen und betrachtete ine Frau. Das Kaminfeuer ſiel auf ihr Geſicht, das kotz ihres augenblicklichen Ernſtes jugendlich erſchien, und auf ihre ſchlanke Geſtalt; ihre Haltung verrieth mehr denn eihre leichte, mädchenhafte Anmuth. Nathalie ſah ſehr hübſch aus, und doch durchzuckte ein ſeltſamer Schmerz jie Bruſt des Herrn von Sainbille, waͤhrend er ſie an⸗ lickte. Er ſtand noch in der erſten Kraft und Blüte des nmathalie. I. 24


