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um ſich ihrer ſinnenden Stimmung zu überlaſſen; ihr re⸗ gelmäßiges Athmen deutete bald an, daß dieſe Reflexionen
wenigſtens ſehr erfreulicher Natur waren. Nathalie ſtand
einen Augenblick an dem Kamine und ſchlich ſich dann langſam zum Fenſter. Es war ein ruhiger und kühler Abend. Der Mond ſtieg am Horizonte empor, aber ſein Licht war grau und matt, und die Bäume der Allee war⸗ fen einen ſchwachen und undeutlichen Schatten auf den Boden. Drüben erhob ſich das maſſive Eiſenthor, und wei⸗ terhin zog ſich die weiße, einſame Straße zwiſchen grünen Feldern und einſamen Häuſern hin. Dieſer Straße folg⸗
ten die Blicke Nathaliens, als ſie in der Fenſtervertiefung
ſtand, die Stirne an die kalte Scheibe gedrückt und von den ſchweren Vorhängen verhüllt.
Sie träumte; nicht jene fieberiſchen Träume, welche einſt ihre Wangen geroͤthet und das Herz des feurigen Mädchens umgaukelt hatten. Die ruhigen, heiteren Bil⸗ der des Weibes umſchatteten ſie jetzt, denn ſie war glück⸗ lich. Das Glück iſt nicht ſo ſelten, als man wohl oft behauptet hat, es iſt da und wird uns oft zu Thell, frei⸗ lich von Zweifeln und Beſorgniſſen begleitet, welche keine reinſten Freuden ſtören, und von ſüßen, berauſchenden Hoff⸗ nungen, welche uns noch weit heftiger aufregen. Nur das
reine, friedliche Glück weilt ſeltener und kürzer auf Erdenz es iſt der Gaſt, der nur einen Tag bleibt und wird nicht
ſo oft durch wirklichen Kummer, als durch den Ueberdruß
des menſchlichen Herzens verbannt, das zu bald durch die
reine und entzückende Gegenwart überſättigt iſt. Dieſe
ſtille Freude weilte nun in Nathaliens Herzen und goß ihren göttlichen Frieden über all' ihre Träume. Sie kannte die Hoffnung nicht, denn Hoffnung ſchließt immer ein Ver⸗ langen in ſich, und jeder Wunſch des Herzens war erfüllt; ſie fühlte nicht mehr, wie ſonſt, die Sehnſucht, das ver⸗ ſtegelte Buch der Zukunft zu öffnen und zu leſen; ſie hatte ihr Schickſal auf Erden durch feierliche und unwiderruf⸗
liche Gelübde feſtgeſtellt, und obwohl ſie nicht ſagen konnte,
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