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ſein, als ihr ſelbſt.
Dieſe ſechs Wochen hatten ſich durch kein wichtiges Ereigniß ausgezeichnet. Es war allerdings von einer je⸗ ner Flitterwochenreiſen die Rede geweſen, welche von Eng⸗ land nach Frankreich eingeführt, in den letzten Jahren ſo durchherrſchend geworden: Tante Radegonde aber machte eine ſo unzufriedene Miene bei dem Gedanken, allein zu bleiben, Herrn von Sainville ſchien ſo wenig an dem Reiſeglück in den Honigmonden zu liegen, und Nathalie geſtand ſo offen, daß es keinen Ort gebe, den ſie ſo ſehr liebe, als Sainville, daß man den Plan wieder fal⸗ len ließ. Wir wiſſen, daß eine Erzählung eigentlich kein Recht hat, über den Abſchluß des Geſchickes der Heldin, das heißt die Heirath, ausgedehnt zu werden; und doch müſſen wir den Leſer bitten, mit uns auf der Schwelle des alten Salons zu weilen, der ſo oft uns aufgenommen und ein
letztes Bild mit uns zu betrachten.
Der Abend iſt hereingebrochen. Das fröſtelnde Stifts⸗
fraulein ſitzt in ihrem tiefen Armſtuhl an dem Kamine; Nathalie hat ſie in einen großen Shawl gehüllt und ein
warmes Kiſſen unter ihre Füße gelegt: ſie ſind allein. „So,“ ſagte Nathalie mit ihrer wohlklingenden Stimme:„jetzt habe ich Sie gut gebettet und Sie koͤn⸗ nen ruhig ſchlummern.“ „Schlummern, Petite; ich kann nicht begreifen, wie Sie ſo kindiſch ſprechen mögen,“ lautete die etwas gereizte Antwort;„wie oft ſoll ich Ihnen ſagen, daß ich nach dem Eſſen nicht ſchlummere, ſondern nur meiner ſinnenden Stimmung mich überlaſſe.“ 3„Aber, Tante, warum ſchließen Sie Ihre Augen?“ „Weil mich das Licht beläſtigt, kleines, thörichtes
Ding.“ Nathalie wandte das Geſicht ab, um ein verſtohlenes Lächeln zu verbergen, als ihre Tante die Augen ſchloß
geben, und dieſer eine Grund mußte Jedem ſo einleuchteern


