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Und das Exemplar ſcheint ſehr gebraucht,— ein Lieb⸗ lingsſchriftſteller alſo. O, Sie ächte Tochter Eva's! konnten Sie auf ſolch' bittere Frucht nicht warten?“
Es lag eine leichte Bitterkeit in ſeinem Tone, wäh⸗ rend er ſo ſprach, und in dem Buche blätterte. Ploͤtzlich ſchien ihm etwas aufzufallen.
„Woher bekamen Sie dieß Buch, mein Kind?“ fragte
8. er in ſehr verändertem Tone.
„Von Frau von Sainville, mein Herr.“
„Meiner Tante? Eine ſeltſame Reliquie für die Tante, ein ſeltſames Buch für Sie.“ Er ſteckte das Buch entſchloſſen in ſeine Taſche, blickte Nathalien feſt ins Auge und ſagte in einem Tone zwiſchen Scherz und Ernſt:
„Ich conſiscire La Nochefaucauld. Obwohl dieß Exemplar ſeit Jahren nicht mehr in meinen Händen ge⸗ weſen, ſo iſt es dennoch mein Eigenthum; auch wünſche ich nicht, daß Sie es leſen. Ums Himmels willen, hal⸗ ten Sie ſich doch an das, woran die Mädchen Vergnügen finden; überlaſſen Sie La Rochefaucauld ernſteren Hän⸗ den, älteren Köpfen und traurigeren Herzen. Halten Sie ſich an Romane und Dichtungen— die wahre Nahrung für Achtzehnjährige.“
Ein verächtliches Lächeln ſpielte um Nathaliens Lip⸗ pen, als ſie antwortete:
„Romane, Dichtungen und ſo fort ſind die Leckereien, die Bonbons für ein armes Mädchen von achtzehn Jah⸗ ren. Wie ſchmeichelhaft!“
„Sie drängen nach kräftigerer Koſt? Beruhigen Sie ſich, Sie ſollen ſie bald haben— vielleicht zu bald.“
Sie antwortete nicht. Er fuhr fort:
„Ich habe Sie Ihres Buches beraubt. Geſtatten Sie mir, daß ich Ihnen dieſen Nachmittag Etwas von meiner Bibliothek ſende.“
„Romane und Dichtungen?“ fragte Nathalie ſpottiſch. „Ja, Romane und Dichtungen. Glauben Sie, ich


