Mittags zu den Blumen und Pflanzen dringen zu laſſen; ein Mandelbaum, der draußen ſtand, hielt die Sonnen⸗ ſtrahlen ab und warf ſeinen leichten wogenden Schatten auf bie Züge Nathaliens, welche zurücklehnte und die über das wogende Gras dahinziehenden Schatten beobachtete während ſie der leiſen Stimme des Windes lauſchte, d durch die zitternden Zweige der nahen Tannen rauſchte
Sie hatte nicht lange ſo dageſeſſen, als ſie ſich plo lich des Buches erinnerte, das ſie mitgenommen. Sie zog
Roman, wie ſie die Jugend ſo ſehr liebt, und oft auch die reiferen Jahre noch gerne in den Händen haben, ſon⸗ dern eine Sammlung der traurigſten und ernſteſten Erin⸗ nerungen, welche aus der Geſchichte und der Erfahrung des menſchlichen Herzens zuſammengeſtellt worden iſt— die Maximen von La Rochefaucauld. Einige von den Ma⸗
ximen waren unterſtrichen: drei von dieſen zogen nament⸗ lich die Aufmerkſamkeit Nathaliens auf ſich:
4„Ein Mann darf lieben, wie ein Wahnſinniger, nicht
wie ein Narr.“
„Es gibt wenige Frauen, deren Verdienſte ihre Schön⸗ heit uͤberdauern.“
3„Wahre Liebe iſt gleich Geiſtern: Jedermann ſpricht
davon, Wenige haben ſie geſehen.“
„Wie! Leſen Sie immer noch Nicole?“ ſagte die
Stimme des Herrn von Sainvillle..
Nathalie blickte auf; er ſtand lächelnd vor ihr. Sie erröthete: raſch gleitete ſie von ihrem e herab und in der Eile ſiel ihr dabei das Buch auf den Boden. Er hob es auf und ſah ihr gleich darauf forſchend und erſtaunt ins Geſicht..
es raſch aus der Taſche und blätterte darin. Bald hielt ſie ſich bei einer Stelle länger auf, bald ging ſie raſch darüber weg, und wurde während des Leſens immer ern⸗ ſter. Das Buch, welches ſie auf dieſe Weiſe am Morgen eines Frühlingstages las, war keine Liebesgeſchichte, kein
„La Rochefaucauld! Sie leſen La Rochefaucauld!
4 43


