Teil eines Werkes 
7.-12. Bdchen (1851)
Entstehung
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Nathalie unterbrach ſie und zog den Vorhang zuruͤck;

die Sonne goß ein ſo ſtrahlendes Licht und eine ſo an⸗

genehme, alles durchdringende Wärme in das Zimmer, daß das Stiftsfräulein, auf dieſem Punkte zurückgeworfen,

ſich hinter die Worte verſchanzte:die Welt werde von Tag zu Tag älter.

Nathalie ſtellte auf den Tiſch neben Tante Radegon⸗ dens Armſtuhl eine Vaſe voll friſcher Frühlingsblumen, ſtumme und doch beredte Zeugen des ewig neuen und fri⸗ ſchen Lebens der Natur.

Sie werden ſterben, ſagte das Stiftsfräulein,alles muß ſterben; die Welt wird nicht nur jeden Tag älter, ſondern auch trauriger.

Nathalie begann ein heiteres provengaliſches Lied zu ſingen heiter, aber nicht ohne Anklang an den alten Romanzenton. Der Kanarienvogel von Tante Radegonde erhob ſeine Stimme laut und hell, um die Melodie des Liedes nachzuahmen. Erheitert durch den Wettkampf, nahm Nathalie ein raſcheres Tempo; aber je ſchneller ſie fang, deſto ſchneller pfiff der Vogel ſeine Noten in bril⸗ lanten Coloraturen, bis das provengaliſche Lied zu Ende war und der Vogel, wenigſtens ſeiner Meinung nach, Sie⸗ ger blieb. 8

Sehen Sie! rief Nathalie, indem ſie das eröthete Geſicht und die glänzenden Augen nach dem Stiftsfräu⸗ lein wandte:der Sonnenſchein, die Blumen, der Vogel ſelbſt gibt Zeugniß gegen Sie.

O, Petite, Sie ſind beſſer als der Sonnenſchein, die Blumen oder der Vogel in ſeinem Hauſe, bemerkte das Stiftsfräulein, und die unnatürliche Trauer, welche

zuletzt auf ihren Zügen lag, verſchwand allmählig, wäh⸗ rend ſie das junge Mädchen mit ihrer klaren Stirne, dem hoffnungsvollen Blicke, dem glänzenden Lächeln und der über dem ganzen Weſen ausgegoſſene Wärme und Jugend⸗ friſche betrachtete. Sie würde hinzugefügt haben:glücklich der Mann,