Teil eines Werkes 
1.-6. Bdchen (1851)
Entstehung
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ten geweſen der Eitelkeit und des Stolzes; der Haupt⸗ leidenſchaften, aber nicht aller, denn ſicher war manche Geſchichte der edleren Gefühle des Mannes mit dieſem Zimmer und dieſem ſtillen Kamine verknüpft, bei welchem Nathalie jetzt ſaß, ein einſames und abhängiges Mädchen. Sie beſchattete ihre Augen mit der Hand; abgebrochene Worte, deren Bedeutung ſie nur geahnt, Winke, deren Sinn ſie errathen, hatten ihr längſt eine Geſchichte er⸗ zählt, die ihre Gedanken ſeitdem oftmals wiederholt, ſel⸗ ten aber in ſo eindringlicher Weiſe, als heute. Ein Bild ſtieg vor ihrem inneren Blicke auf und begrüßte das innere Auge, das ebenſo ſehr die Qual, als der Segen der Ein⸗ ſamkeit ſein kann; niemals entwarf die Kunſt des Zeich⸗ ners ein Bild in ſchärferen Umriſſen oder malte mit lebhafteren Farben. Sie ſah das alte Kamin: das Feuer brannte hell und glänzend; es warf ſeinen wechſelnden Schein in das ent⸗ fernteſte Ende des Zimmers es beleuchtete ſeinen tief⸗ ſten Winkel; vor allem aber ſiel das Licht auf zwei Per⸗ ſonen, einen Jüngling und ein Mädchen, welche beide neben ihm ſaßen. Nathalie kannte das blaſſe und ſtrenge Ge⸗ ſicht, obwohl es jünger als jetzt war, weniger Sorgen⸗ falten auf ſeiner Stirne und eiwas Kindlicheres in ſeinem Blicke hatte. Und auch das Maͤdchen kannte ſie, denn ihre Züge, obwohl ſie ſie nie mit dem leiblichen Auge geſehen, waren ihr nicht unbekannt. Ja, ſie kannte jene heitere Stirne, mit dem ſchönen, glänzenden Haar; jenen ſanften, blauen Augen, jene offenen, lächelnden Lippen, jenen Nacken von ſchwanengleicher Anmuth; und niemals, wenn ſie ſo daſaß, hatte eine ſchönere und idealere Erſcheinung das Auge eines Liebenden entzückt. Auch hätte der, welcher ſie betrachtete, nicht kalt und ungerührt erſcheinen koͤnnenz Worte floßen von ſeinen Lippen Worte, welche ſie die ihn anſah nicht hören konnte, ſo ſehr ſie ſich auch anſtrengte, deren Bedeutung ſie jedoch in den niedergeſchlagenen Blicken und erroͤthenden Wangen des Mädchens las.