Teil eines Werkes 
1.-6. Bdchen (1851)
Entstehung
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eine ſeltſame und nicht unangenehme Furcht: ſie blickte kalt und fröſtelnd auf; das Feuer war herabgebrannt, das Zimmer ſchien leer und unbegrenzt, die Decke in un⸗ endliche Ferne gerückt; die Spiegel eroͤffneten Fernſich⸗ ten in endloſe und geheimnißvolle Zimmer, die ſich weit hinzogen und mit demſelben feierlichen und ſchattigen Dun⸗ kel erfüllt waren. Aber Nathalie war nicht abergläubiſch; dieſe Dunkelheit machte ſie ſchauern, ſchreckte ſie jedoch nicht; ſie war ſich zwar einer leichten Furcht bewußt, aber einer Furcht, die ſie unterdrückte, ja ſelbſt mit einem ge⸗ wiſſen angenehmen Gefühl unterdruͤckte. Nach und nach verſchwand dieſes Gefühl; ſie dachte nicht mehr an den fallenden Regen oder den murmelnden Wind, an die ſchat⸗ tigen Zimmer und die Sagenwelt, ſondern ſie lauſchte dem wundervollen und endloſen Roman, den ihre eigenen Ge⸗ danken aus den Träumen gebildet hatten, welche den Kopf und das Herz der ſehnſüchtigen und glühenden Jugend heimſuchen und beunruhigen. Und jeden Abend wurde teſe Erzählung mit ihren phantaſtiſchen Szenen, Leiden⸗ ſchaften und Charakteren tiefer und feſſelnder, an keinem aber ſchien er dem Schluſſe näher zu kommen, in unbe⸗ ſtimmten Umriſſen und geheimnißvoll, wie die unbekannte Zukunft zog er ſchattenhaft an dem träumenden Mädchen vorüber.

Aber dieſer Abend glich den übrigen nicht: die Lampe wurde nicht ausgelöſcht, der Stuhl nicht vorgerückt. Na⸗ thalie ſaß auf dem Lager, wo Madame Marceau gelegen und ihr Blick ſchweifte langſam durch den weiten Raum, als ob ſie zum erſten Male unter dieſe Gegenſtände träte. Der ſtille Salon war ſehr alt; er hatte manche Gäſte geſehen Herren nannten ſie ſich ſelbſt und wurden von Andern ſo genannt aber was waren ſie anders, als Gäſte für einige Jahre, die ſtill, einer um den andern, dahingingen, um von neuen Gäſten erſetzt zu werden, deren Aufenthalt ebenſo kurz dauerte, ebenſo bald vergeſſen war? Dieſes Haus war der Schauplatz ihrer Hauptleidenſchaf⸗