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Er wußte, daß Mademoiſelle Dantin ſtets im Geheimen Gerechtigkeit pflegte, und mit einer Feierlichkeit, die ſie, wie das Vehmgericht, für den Uneingeweihten nur um ſo ſchrecklicher machte.
„Was hat unſere hübſche Blums aus dem Süden gethan?“ fragte er poetiſch, als Marianne die Thüre ſchloß und ihm folgte; aber das Mädchen ſchüttelte ſtatt jeder Antwort den Kopf und ſchien ſelbſt ſehr beſtürzt.
Sobald ſie allein war, trat Mademoiſelle Dantin an die Glasthüre, welche in den Garten führte und blieb einige Secunden dort ſtehen, indem ſie mit aufmerkſamen Blicken durch die ſchmalen Scheiben ſah. Es lag ein ſeltſames Lächeln auf ihrem Geſichte, als ſie zurücktrat und ſich wieder in ihren Seſſel ſetzte. Kaum hatte ſie das gethan, als ſich die Glasthüre öffnete. Die Vorſteherin hörte es wohl, blickte jedoch nicht auf, ein leichter Tritt ließ ſich vernehmen, ſie blieb aber bewegungslos und ihr Auge, das noch immer zu Boden blickte, verlor ſeinen zor⸗ nigen Ausdruck nicht. Der Schuldige mußte den Blick des Richters ſuchen, nicht der Richter den des Schuldigen. Mademoiſelle Dantin war eine ächte Normannin, prozeß⸗ ſüchtig und in der Geſetzeskunde wohl bewandert. Neben den Geſetzen, die ſie Andern ohne Erbarmen auferlegte, hatte ſie gewiſſe Geſetze für ihren eigenen Gebrauch, denen ſie ſtrenge gehorchte; eine dieſer Regeln war, allen Dingen, die ſie that, einen richterlichen Anſtrich zu geben.
„Wunſchten ſie mich zu ſprechen, Madame? fragte eine klare, ſanfte Stimme an ihrer Seite.
Die Vorſteherin antwortete nicht, ſondern erhob lang⸗ ſam den Kopf und wandte ihn mit einem ſtrengen Blick nach der Seite, von wo die Stimme gekommen war. Ein ſchönes, ſchlankes Mädchen von ſiebenzehn oder achtzehn Jahren, in einem ſehr einfachen ſchwarzen Anzuge, mit ſchwarzen Haaren, ſchwarzen Augen und lebhaften Geſichts⸗ zügen von ſüdlichem Ebenmaaße ſtand an ihrer Seite.


