Teil eines Werkes 
1.-6. Bdchen (1851)
Entstehung
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Es war Nathalie Montolieu, Haupt⸗ und einzige Lehrerin in dem Inſtitute der Mademoiſelle Dantin. 3 Sie war kaum etwas über die mittlere weibliche Größe, aber leicht und gerade gebaut. Offenheit und un⸗ gezwungene Anmuth ſprachen aus ihren Blicken, ihrer Haltung, ihrem Benehmen, in dieſem Augenblicke nament⸗ lich, während ſie ruhig neben dem Armſtuhl der alten Vorſteherin ſtand. Als ſie ſich leicht herabbeugte, um die Antwort von Mademoiſelle Dantin zu hören, mit einer Miene, die zu ungezwungen war, um würdevoll geheißen zu werden, in welcher jedoch der lebhafte ungeduldige Stolz der Jugend lag, verlieh das Licht, welches in ſeiner ganzen Fülle auf ſie ſtrömte und Alles hinter ihr im Dunkeln ließ, dem feinen Profil einen lebhaften und klaren Aus⸗

druck, der durch den ſchattigen Hintergrund des ſchlecht

beleuchteten Zimmers noch erhöht wurde. Die offne und poetiſche Stirne, mit dem wogenden hinten geflochtenen Haar; die ſchwarzen und trotz all ihres Feuers ſanften Augen; die kurze Oberlippe und das gewoͤlbte Kinn be⸗ zeichneten ſie als eine Tochter des ſonnigen Süden; und die angeborne Grazie des halb abgewandten Kopfes und der lauſchenden Haltung würde das Auge eines Bildhauers entzückt haben, aber ſie beſaß nicht die ruhende Schönheit einer kalten Kunſt; ſie erhielt das Licht von Innen, das für ein Geſicht iſt, was die Flamme für die Alabaſter⸗ Lampe, in welcher ſie brennt; der warme Strahl, welcher die Schoͤnheit nicht ſchafft, ſondern nur enthüllt. Und in ihr ſchien der Strahl, nach dem wechſelvollen Ausdrucke ihrer beweglichen Geſichtszüge, ſo farbenreich als klar zu ſein. Sie beſaß nicht die ſanfte und beinahe goͤttliche Ruhe vollkommener Anmuth. Ihre Schönheit entzückte, weil ſie ſo ächt menſchlich war und die ganze Friſche der Jugend mit der geiſtigen Wärme der reifenden Jahre verband. Sie war weder ewig heiter, noch engelgleich,

ſondern glühend und lebendig, nicht ideal und doch hoch poetiſch.