Teil eines Werkes 
1.-6. Bdchen (1851)
Entstehung
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die Perücke desProſeſſors, der eine ſo wichtige Rolle bei der Zeremonie am Morgen geſpielt, erſchienen ploͤtzlich in der dunklen Oeffnung; er lächelte und nickte Mademoi⸗ ſelle Dantin mit einer Miſchung von Vertraulichkeit und Reſpekt zu und liſpelte in einem Tone zaghafter Bitte: darf ich eintreten? 8

Ja, Monſieur le Chevalier, Sie können eintreten, antwortete die Vorſteherin, indem ſie ſich halb von ihrem Sitz erhob; ihr Ton war freundlich und etwas weicher als gewoͤhnlich; ein mattes Lächeln flog über ihr Antlitz. Ermuthigt trat der Chevalier, ein kleiger Mann mit einem hageren, bleichen Geſichte, lebhaften Augen und einer Adlernaſe, ein Mann in mittleren Jahren mit aufrechter Haltung und elaſtiſchem Tritte, in das Zimmer. Er wollte die Thüre mit der ihm eigenen Pünktlichkeit hinter ſich in das Schloß legen, als Mademoiſelle Dantin ihren Kopf ſchüttelte und in ermahnendem Tone bemerkte:

Die Thüre, Monſieur le Chevalier.

Ach! ja, die Thüre, ſeufzte er und ließ ſie offen. feakedein müſſen befolgt werden, fuhr die Vorſtehe⸗ rin fort.

Ja, Regeln müſſen befolgt werden, antwortete der Chevalier, einen Schauer unterdrückend, als ihm der Zug in den Nacken kam.

Es galt als Geſetz in dem Inſtitute von Mademoi⸗ ſelle Dantin, daß keine Dame mit einem Herrn ſprechen durfte, nicht einmal mit einem Vater oder Bruder, ſo lange die Thüren geſchloſſen waren. Die Vorſteherin be⸗ folgte dies Geſetz zuerſt bei ſich ſelbſt, und gehorchte der Negel mit aller Strenge. Die Wahrheit zu ſagen, ſaß ſie jedoch immer der Thüre gegenüber, und der männliche Beſucher, wer er auch ſein mochte, kehrte jener den Rücken, ſo daß die ganze Härte des Geſetzes ſie nicht treffen konnte; doch welcher Mann würde ſich beklagen, wenn die weibliche Sittſamkeit auf dem Spiele ſteht, am wenigſten ein ſo