Teil eines Werkes 
1.-6. Bdchen (1851)
Entstehung
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liebenswürdig; an das Lehren und Gebieten gewoͤhnt, war ſie auch in dieſem Tone am beſten zu Hauſe; das Lehren bot ihr Gelegenheit, Macht und Autorität zu entwickeln, dabei wohl auch mit guter Manier ihre eignen Anſichten, die mehr ein ſcharf markirtes, als verſchiedenartiges Ge⸗ präge trugen, auf andre überzutragen. Zum Unglück hatte ſie eine entſchiedene Antipathie gegen Kinder und junge Mädchen, ſo daß bei dieſem Kampfe zwiſchen ihrer Freude an der Aufſicht und ihrer allgemeinen Abneigung gegen die zu Erziehenden eine Abneigung, die wie ge⸗ wöhnlich ebenſo herzlich erwiedert wurde Mademoiſelle Dantin und ihre Zöglinge kein ſehr angenehmes Leben zuſammen führten, und wohl auch längſt ein Bruch ent⸗ ſtanden wäre, hätte eine andre Schule in der Stadt Sain⸗ ville beſtanden.

Sainville wir können den Leſer nicht auffordern, die Karteé zur Hand zu nehmen iſt ein ſtiller kleiner Ort in dem Herzen der Normandie. Dieſe Provinz iſt wielleicht die ſchönſte, jedenfalls der grünſte Fleck in dem herrlichen Frankreich. Sie hat viele kleine Hügel, viele ſchmale Thäler mit glänzenden Flüſſen und einen klaren blauen Himmel; überdies beſitzt ſie maleriſche alte Städte von ſchönem und ehrwürdigem Ausſehen, mit einem ge⸗ heimnißvollen, eigenthümlichen Reize für die Phantaſie. Finſter, einſam, und beinahe miſanthropiſch ausſehend, contraſtiren dieſe ſtillen Plätze wunderbar mit dem an⸗ muthigen Grün und der lieblichen, ländlichen Schönheit der umgebenden Natur; ſie machen den Eindruck von menſchenfeindlichen Eremiten, welche ſich einen ſtillen freundlichen Ort ausgeſucht, um Buße zu thun. Aber wenn auch ihr hübſches Ausſehen das Auge angenehm berührt, und ihr moͤnchiſcher Charakter die Phantaſie an⸗ regt, ſo ſind ſie doch kalt und traurig ſie können das Herz nicht gewinnen; wir fühlen, daß ihr Leben in zu lang⸗ ſamem und einfoͤrmigem Wellenſchlag dahingleitet; wir ſehen, ſtaunen, weilen wohl auch einen Augenblick in den