Teil eines Werkes 
1.-6. Bdchen (1851)
Entstehung
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engen, gewundenen Straßen mit den baufälligen hohen Holzhäuſern auf beiden Seiten, gehen aber gleichgültig weiter, indem wir fühlen, daß wir ein menſchliches Ge⸗ fängniß hinter uns gelaſſen.

Sainville war eine dieſer kleinen moraliſchen Inſeln; es hatte keinen Verkehr, keinen Handel, kein Leben und war überdies von der großen und geſchäftigen Welt durch eine Verſchanzung von ariſtokratiſchen Schlöſſern getrennt, welche ſich an den umgebenden Abhängen erhoben, oder den Schatten und die Stille der benachbarten Thäler ge⸗ noſſen. In dieſen luxuriöſen Wohnungen war das Leben ſo heiter und angenehm, als es das Herz nur wünſchen mochte, und eine der beſten Geſellſchaften Frankreichs es nur machen konnte. Bälle, Theater, Conzerte, Fiſchpar⸗ tien und Jagdausflüge gaben dem amüſanten Leben dieſer privilegirten Beſitzer und Gäſte der Schlöſſer ſtets neuen Reiz. Oftmals machten die Bewohner von Sainville, welche alle zur geringeren Bürgerklaſſe gehörten, und we⸗ der Wohlhabenheit, noch Macht und Tälent beſaßen, ſich über ihren Stand zu erheben, mit der puritaniſchen Strenge der Ausgeſchloſſenen, Bemerkungen über die Sünde und Thorheit, welche ihren Sitz in jenen Woh⸗ nungen aufgeſchlagen, von woher man ſtets nur die Klänge der Freude und Luſt vernahm; und manchmal murrten ſie noch lauter, wenn ſie beim Erwachen am frühen Mor⸗ hen eine heitere Cavalcade durch die ſtillen Straßen reiten

rten.

Dieſe Ausſchließung, welche Mademoiſelle Dantin mit ihren Mitbürgern theilte, war ohne Eindruck auf ſie ge⸗ blieben. Sie hatte ſich gewöhnt, an nichts zu denken, als an ihre Schule, ihr Eigenthum, ihre zeremoniellen Ge⸗ wohnheiten, vor Allem an ihre unbefleckte Reinheit und war in dieſem Punkte nach und nach etwas ſtreng und reizbar geworden. In dieſem Zuſtande befand ſie ſich an dem Tage, an welchem unſere Geſchichte beginnt. Sonſt war dies ein Tag, der ſie immer in einem eigenthuͤmlich