Teil eines Werkes 
7.-11. Bdchen (1853)
Entstehung
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zu erinnern; aber weiſe ſind die, welche die Stunde und den Augenblick ihrer Geburt nennen können.

Ich hatte die Weisbeit nicht, mich mit ſo nutzloſen Fragen zu quälen. Die Vergangenheit ſchwand aus meinen Gedanken; alles war jetzt Zukunft. Ich ſah nach dem öſtlichen Himmel; er hatte ſich tief geröthet, und wurde immer glänzender und glühender, je mehr ich ihn ſah. Mit dem Aberglauben des Herzens erwartete ich den Anbruch des Tages, der mein neues Daſein eröffnen ſollte; und für die ganze Vergangenheit, die er offen⸗ bart, die ich nicht geſehen, für die ganze Zukunft, die er verſprach, und die ich nicht gehofft, ſagte ich Gott meinen Dank.

Ich weiß nicht, wie lange ich ſo dagelegen, als ein Pochen an meiner Thüre mich ſtörte. Ich ſtand auf, öffnete und ſah Kate. Sie machte, daß ich mein Geſicht dem Lichte zuwandte, lächelte leiſe und ſagte:

Cornelius wünſcht Dich zu ſprechen, er iſt gut aufgelegt, bitte, komm herab.

Ich folgte ihr ſchweigend die Treppen hinunter, ſie öffnete die Thüre des hintern Wohnzimmers, ſchloß ſie und verließ mich. Ich ſtand ſtill, alles Blut ſchien aus meiner Stirne in mein klopfendes Herz hinabgeſtrömt zu ſein.

Es war etwas Anderes, mit Cornelius, meinem Freunde, allein zu ſein, und etwas Anderes, mich plötzlich Cornelius meinem Geliebten gegenüber zu ſehen. Er ſaß an einem offenen Fenſter; in der Ferne erhoben ſich die grünen Bäume des Gartens mit roſigem Lichte vergoldet und über ihnen breitete ſich der geröthete Him⸗ mel aus. Ein friſcher Luftzug drang herein, auf ſei⸗ nen Schwingen das Flüſtern des rauſchenden Lanbes und die zwitſchernden Geſänge der erwachenden Vögel wiegend; auch er hatte den anbrechenden Tag herange⸗ wacht; aber es ſchien wenigſtens eben ſo viel Kummer⸗ als Liebe in dieſem Wachen zu liegen.