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eingezogene Weiſe; wir galten für ſtolz und arm; wir ſahen Miß Murray dann und wann in ihrem Hauſe, denn daß ſie uns beſuche, konnte man ihr nicht zumuthen; ich ging in die Tanzſtunde, aber ich fand all' die kleinen Mädchen ſo wenig nach meinem Geſchmacke, daß ich mit keiner von ihnen eine nähere Bekanntſchaft machte: ſo vergingen zwei Jahre dieſes ruhigen und monotonen Lebens, das nur durch die Briefe von Cornelins einige Abwechslung erhielt. 5
Nur wenige waren an„ſeine liebe Adoptivtochter“ gerichtet, aber ſie waren ſo freundlich, ſie athmeten eine ſo innige Liebe, ein ſo tiefes Intereſſe, daß ich ſie noch heute, trotz alle dem, was ſeit jener Zeit geſchehen, nicht ohne innere Bewegung durchleſen kann. In all' ſei⸗ nen Briefen ſprach Cornelius natürlich, von ſeiner
Kunſt und ſeinen Ausſichten. Er war entzückt von Rom
und voll glühender Hoffnung; aber er hielt es nicht für der Mühe werth, etwas vor ſeiner Heimkehr nach Hauſe zu ſchicken. Er hielt es für weit beſſer, damit zu war⸗ ten und das Publikum dann im Sturm zu nehmen. Miß O Meilly dachte auch ſo und wir erwarteten dem⸗ gemäß ihren Bruder im Frühling des zweiten Jahres nach ſeinem Weggang. Ein etwas räthſelhafter Brief, in welchem er ſeinen lebhaften Wunſch ausdräückte, uns beide wieder zu ſehen, bekräftigte dieſe Erwartung.
„Verlaß Dich darauf, Daiſy,“ ſagte Miß O Reilly zu mir,„er will uns, wie das Publikum überraſchen.“
Der bloße Gedanke benahm mir den Athem.
„O Kate!“ rief ich und legte meine Arbeit nieder, „wenn er jetzt in das Zimmer träte, was würde ich thun?“ 3
„Wie kann ich das wiſſen,“ verſetzte Kate und ſah von ihrem Briefe auf,„Du ſiehſt ſo aus, daß man Dir Alles zutrauen könnte. Geh, Kind, mache einen Spazier⸗ gang und kühle Dich in der friſchen Seeluft ab. Wir ſind im März und ich erwarte ihn in vierzehn Tag8en


