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„Sie iſt keine Schönheit, aber ſie hat hübſche Augen.“ „Du kannſt ſie aber deſſenungeachtet nicht hübſch heißen, Cornelius.“ Er ſeufzte und widerſprach nicht. 1„Ich weiß, Du biſt nicht der Anſicht!“ fuhr Kate ort.
„O Kate,“ unterbrach er ſie mit einem neuen Seufzer,„nein, Jedermann kann doch ſehen, daß ſie je älter, um ſo hübſcher wird.“
„Gleichviel,“ ſagte Kate heiter.
„Aber ihr wird es nicht gleichviel ſein. Wenn ſie von den Frauen überſehen und von den Männern ver⸗ nachläſſigt wird, wie kann ihr das gleichgültig ſein?“
„Die Unſchönen haben ein eigenthümliches Glück,“ antwortete Kate ruhig:„Gott ſieht freundlich auf ſie herab und ſie lernen die rohe Herbe der Welt verach⸗ ten.“ Und ſie begann mit Cornelius wieder von ſeiner Reiſe zu ſprechen.
Ich war damals beinahe fünfzehn Jahre. Ich er⸗ innere mich meiner wohl noch. Ich war ein ſchlankes, mageres, unzierliches, ſcheues und nervöſes Mädchen mit eingeſunkenen Augen, einem blaſſen Geſichte und Haaren, die kaum etwas dunkler geworden, als zu der Zeit, da Miriam Ruſſell ſie mit Recht ſtrohfarben genannt. Ich kannte meine Mängel ganz wohl, ich war an ſie gewöhnt, und obwohl es mich etwas kränkte, als ich Cornelius und Kate ſo über die delicate Frage von meinem Aus⸗ ſehen ſprechen hörte, dauerte es doch nicht lange. Mi⸗ riams Sticheleien hatten mich früher zur Verzweiflung gebracht, weil ſie mich durch ihre Schönheit in Cor⸗ nelius' Herzen verdrängt hatte, aber mit ihrer Macht verſchwand auch der Stachel meiner Unſchönheit. Die kleine Aufregung, die dies in mir hervorgerufen, war verſchwunden, als Cornelius in den Garten herauskam, um eine Cigarre zu rauchen.


