Teil eines Werkes 
1.-6. Bdchen (1853)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

3⁵⁷

daß wir in ihm allein dieſe Ruhe finden. Wir mögen uns Idole von Ehre, Pflicht, Liebe, Kunſt ſchaffen; von menſchlichen Ideen und menſchlichen Weſen: ſelbſt das wird uns nicht ganz fallen machen. Das Gefühl der Ehre und der Pflicht ſind ſeine Gaben; er gab uns ein Herz zur Liebe, eine Seele, das Schöne zu empfinden, Ver⸗ ſtand zum begreifen, Gefühle, um ſie andern zu widmen. So lange daher unſre Thätigkeit nach außen gerichtet iſt, wird ſelbſt unſre größte Selbſtvergötterung von der Heiligkeit der Anbetung und Majeſtät Gottes durchdrungen ſein. Aber Selbſtvergötterung iſt die Sünde des Weibes; wir ſol⸗ len niemals unſer eigner Mittelpunkt, unſre eigne Hoff⸗ nung, unſer eignes Ziel und unſere Würde ſein; es gibt kein traurigeres Gefängniß, als das, welches das menſchliche Herz für uns werden kann; die anderen Kreiſe der Hölle ſind groß und frei im Vergleich mit die⸗ ſem engſten Kerker der in ſich ſelbſt verſchloſſen iſt.

Dies war es auch, was Miriam, während ſie äuſ⸗ ſerlich ſo ruhig und kalt erſchien, ſo unruhig und troſt⸗ los machte.

In Cornelius' Liebe lag eine geſunde Heiterkeit; die ihrige aber war aufgeregt, wie ein tief bewegtes Meer. Sie ſuchte nicht in der Liebe das göttliche Selbſtvergeſſen, ſondern im Gegentheil ein Bewußtſein ihres Daſeins, das durch die ſtürmiſche Leidenſchaft nur noch vertiefter wurde.

Lieben war für ſie nicht Untergehen in einem andern Weſen, ſondern das andere Weſen in ſich aufgehen laſſen. Alles, was ich von ihrem erſten Geliebten wußte, war, daß er ein Seecapitän geweſen, der vier oder fünf Jahre, ehe ſie Cornelius kennen lernte, mit ſeinem Schiffe untergegangen. Ihre Liebe konnte äußerlich eine hingebende geweſen ſein, im Herzen war ſie eine egoiſtiſche. Wieder zu lieben, wäre kein Verbrechen geweſen, aber daß ſie

es wünſchte, bewies, daß der Mann im Vergleiche mit ihrem Gefühle nichts geweſen.