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gar nicht mehr ausging. Eine kaum merkliche Ver⸗ änderung ging mit ihr vor. Ich ſah keinen Unter⸗ ſchied zwiſchen dem einen und dem anderen Tage, wenn ich aber eine Woche oder vierzehn Tage zurück⸗ blickte und die Gegenwart mit der Vergangenheit verglich, ſo konnte ich meine Augen nicht vor der Ueberzeugung ſchließen, daß es viel ſchlimmer mit ihr ſei.
Nach einer Weile nahm ſie ihr Frühſtück im Bette ein, ſtrengte ſich aber an, ſo früh wie möglich aufzuſtehen, um zu mir in das Wohnzimmer zu kom⸗ men. Sie ſprach auch immer heiter und ſchien nicht an Gefahr zu denken. Ihr Vater aber war in einem entſetzlichen Zuſtande, denn er konnte ſich ihre Lage nicht verbergen, und ich glaube, wenn er die Gene⸗ ſung ſeines Kindes durch den ſchmerzlichſten Tod hätte erkaufen können, würde er unbedenklich dieſes Opfer gebracht haben. Ich täuſchte mich mehr, als er. Ich hatte von der Wirkung der Luftveränderung gehört und ſprach ſo oft mit Louiſen davon, auf eine kurze Zeit mit mir in ein milderes Klima zu gehen, daß ich mich gegen meine Ueberzeugung faſt überredete, daß es ſo ſein würde. Ich bildete mir auch ein, ich könne ſie ſo glücklich machen, daß ſie nothwendig geneſen müſſe. Denn ich wußte, welch ein heilender Balſam das Glück iſt, und dachte, es müſſe auch hier wirk⸗ ſam ſein.
Da ſie nicht mehr in die Kirche gehen konnte,


