—. 237—
denn als ich in ihre Augen blickte, waren dieſelben ſo voll Licht und Leben, daß man ſich kaum vorſtel⸗ len konnte, daß ſie je im Tode und in der Dunkel⸗ heit erlöſchen würden. Das lebhafte Roth ihrer Wange kehrte nur Abends zurück; und dann war es nicht ſo allgemein verbreitet. Dennoch fühlte ſie ſich ſo wohl, und wir alle hielten ſie für ſo wohl, daß unſere Hoch⸗ zeit drei Wochen ſpäter ſtattfinden ſollte. Als die Zeit aber herannahte, war ſie nicht mehr ſo wohl. Das Wetter veränderte ſich und es folgte ein feuchter kalter Wind, der drei Tage anhielt und einen unan⸗ genehmen Eindruck auf ſie hervorzubringen ſchien. Es wurde angemeſſen erachtet, unſere Hochzeit noch vier⸗ zehn Tage aufzuſchieben, denn ſie empfand den gering⸗ ſten Luftzug. Dennoch ſank uns nicht der Muth und ſie ſprach mit Zuverſicht davon, ihre Geſundheit wie⸗ der zu erlangen, und ſo wohl wie immer zu ſein. Als aber die Tage vergingen, bemerkte ich mit Aengſt⸗ lichkeit und Unruhe, daß ſie ſchwächer wurde. Wenn die Luft milde war und die Sonne warm ſchien, pflegte ich einen kleinen Spaziergang mit ihr zu machen, in der Hoffnung, ihre Stärke wieder herzuſtellen, und ich bemerkte bald, daß ſie ohne Ermüdung nicht ſo weit gehen könne und daß es ihren Athem kürzer machte und ihren Huſten vermehrte, wenn wir die klei⸗ nen Anhöhen um Hamburg hinaufſtiegen. Unſere Spaziergänge wurden immer kürzer, bis ſie endlich


