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und achteten auf Niemand. Ich that keine Fragen. Ich wußte, daß etwas Schreckliches geſchehen war; aber ich ging zu Louiſen und wußte, daß ich bald Alles erfahren würde. In jenen Tagen war in Ham⸗ burg keine Thür geſchloſſen. Ich öffnete die Thür — trat ein— eilte die Treppe hinauf und hörte ihn rufen:„Halt, halt!“ Aber die Poſaune eines En⸗ gels hätte mich nicht zurückrufen können. Ich trat in ihr Wohnzimmer. Sie war nicht dort. Ich zau⸗ derte nicht, ſondern eilte in ihr Schlafzimmer.
Sie ſaß auf einem Stuhle und alle Farbe hatte ihre Wange verlaſſen, mit Ausnahme eines rothen Flecks. Ein Arzt ſtand neben ihr und hielt ein Glas in der Hand. Eine alte Dienerin kniete zu ihren Füßen und hüllte dieſelben in Flanell ein. Sie hielt ein mit Blut gefärbtes Taſchentuch vor ihren Lippen. Konnte ich zaudern? Nein, und hätte es zugleich ſie und mich getödtet. In einem Augenblick eilte ich durchs Zimmer, warf mich zu ihren Füßen und um⸗ ſchlang ſie mit meinen Armen.
„Louiſe— meine Louife!“ rief ich.
Sie blickte mich mit Ueberraſchung an und ſah ſich nach ihrem Vater um, der dicht hinter mir folgte — dann umſchlang ſie mich mit ihren Armen, ließ ihren Kopf auf meine Schulter ſinken und ſagte mit matter Stimme: 1
„Louis, lieber Lonis, Du haſt mich gerettet—
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