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zugebracht und mit jedem Augenblicke größere Selbſtbeherr⸗ ſchung gewonnen hatte, während ſie ihre Lage hin und her in ihrem Geiſte überlegte und ſie von allen möglichen Ge⸗ ſichtspunkten betrachtete, erhob ſie ſich, um ſich zur Ruhe niederzulegen. Sie wollte ſchlafen.
Anfänglich fühlte ſie ſich durch läſtige Gedanken geſtört. Der frühere Ideengang dauerte bei ihr fort— dieſelben Schlüſſe folgten jenen Gedanken, und der Schlaf floh ihre Augenlider länger als eine Stunde. Aber ſie war ein ſehr reſolutes Weib, und ſie beſchloß endlich, ſie wolle nicht län⸗ ger nachdenken, wolle die Gedanken gänzlich verbannen und ihren Geiſt keinen Augenblick bei irgend einem Gegenſtande verweilen laſſen. Es gelang ihr.
Die Abweſenheit der Gedanken iſt Schlaf, und ſie ſchlummerte. Aber der Entſchluß endete, wo der Schlaf begann, und die Bilder, welche ſie wachend verbannt hatte, kehrten im Schlummer in ihre Seele zurück. Ihr Schlaf war unruhig: wirre Träume ſchienen ſie in dichten Maſſen zu überfallen; ihre Augen blieben zwar geſchloffen, aber ihre Züge waren voller Leben und die Lippen bewegten ſich. Bald hörte man ein Lachen, bald ein jämmerliches Stöhnen; Thränen fanden ihren Weg durch die geſchloſſenen Augen⸗ lider, und Seufzer kämpften in ihrem Buſen.
Endlich zwiſchen drei und vier Uhr Morgens ſtand Mrs. Hazleton von ihrem Bette auf. Sie öffnete ihre Augen: aber nur ein trüber, gläſerner Blick— ein feſtes, bleiernes Vorſichhinſtarren, das ihr in ihren wachenden Stunden nicht natürlich war, ſchaute daraus hervor. Langſam ſtieg ſte aus dem Bette, näherte ſich dem Tiſche, ergriff eine Kerze, die ſie dort hatte brennen laſſen, und die jetzt faſt ganz herab⸗ gebrannt war, und ging geradeswegs auf die Thüre zu, indem ſie laut vor ſich hin ſagte:
„Sehr dunkel— ſehr dunkel— Alles iſt dunkel!“
Sie probirte die Thüre, fand ſie aber verſchloſſen, und der Konſtahle ſchlief weiter. Dann kehrte ſie nach dem


