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Abermals neigte er ſein Haupt, und Thränen der tiefſten Seelenangſt träufelten aus ſeinen Augen auf den Tiſch. Dann preßte er die Hände feſt vor die Stirne und blieb mehrere Minuten in ſtummes Nachſinnen begraben.
Er ſchien ruhiger zu werden; aber das war nur ein trügeriſcher Schein. Wildes unnatürliches Feuer leuchtete in ſeinen Angen, und wer ſich auf ſolche Dinge verſtand, hätte trotz des anſcheinenden Scharfſinnes ſeines Raiſonne⸗ ments, trotz des ſcheinbaren Zuſammenhangs und der Klar⸗ heit ſeiner Beweisgründe ſehen müſſen, daß es in ſeinem Kopfe nicht ganz richtig war.
Endlich flüſterte er vor ſich hin, wie wenn er fürchtete, daß ihn Jemand hoͤren könne:
„Sie ſchläft— der Mann ſagte, ſie ſchlafe.— Jetzt iſt es Zeit! ich darf nicht zögern, darf nicht wanken— jetzt iſt es Zeit!“
Und er ſtand auf und näherte ſich der Thüre.
Einmal blieb er ſtehen— ein einziges Mal bemächtigten ſich Zweifel und Unentſchloſſenheit ſeiner Seele; aber er warf ſie von ſich und ſchritt weiter.
Mit feſtem aber geräuſchloſem Schritte ging er durch die Halle und ſtieg die Treppe hinan. Niemand ſah ihn; die Diener waren allenthalben zerſtreut, und da war Nie⸗ mand, der ihm in den Weg trat oder ſagte: halt ein!
Er erreichte ſeiner Tochter Zimmer, öffnete ſachte die Thüre, trat ein und ſchloß ſie wieder. Dann ſchaute er ſich mit forſchendem Blicke um. Die Vorhänge waren nicht herabgelaſſen: ſeine ſchoͤne liebliche Tochter lag ruhig ſchla⸗


