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Heirath der Tochter mit dem Manne ihrer Liebe— droht den theuerſten Wunſch ihres Herzens zu vereiteln— und nichts als der Tod kann ſie befriedigen. Das alſo iſt das Ende all' dieſer Träumereien, dieſer wechſelnden Anfälle von Leichtſinn und düſterer Laune: der unebene Geiſt hat ſein Gleichgewicht verloren, und alle ihre Grundſätze ſind der Leidenſchaft gewichen. Was muß ich thun— o Gott! was muß ich thun?“
Seine Gedanken ſind hier gegeben nicht gerade wie ſie ihm durch den Sinn fuhren, denn ſie waren wirrer, unklarer und zuſammenhangsloſer; aber ſo wenigſtens war die Summe und der Inhalt derſelben. Er erhob ſein Haupt von dem Buche, ſchaute empor, und nachdem er eine Weile nachgeſonnen hatte, ſagte er:
„Dieſer Joſephus— dieſer Jude gibt, wenn ich mich recht erinnere, zahlreiche Beiſpiele, wie die Väter nach dem ausdrücklichen Gebote Gottes ihre Kinder richteten. Der Prieſter des Allerhöchſten wurde geſtraft, weil er in jenem Falle mit ſeinen Söhnen menſchlicher Schwäche nachgegeben. Der Krieger Jephtha ſchonte nicht der vielgeliebten Tochter. Und was lehrt uns der Römer?— daß wir auch gegen unſere nächſten Blutsverwandten, gegen diejenigen, die un⸗ ſerer Liebe am nächſten ſtehen, kein Mitleid zeigen dürfen, wenn die Gerechtigkeit unerſchütterliche Vollſtreckung ver⸗ langt. Es muß geſchehen— mir bleibt blos die Wahl, ſie entweder den Händen von Fremden zu übergeben und öffent⸗ liche Schande und Strafe auf das zu häufen, was die Ge⸗ rechtigkeit verlangt, oder für mich ſelbſt zu thun, was ſie


