12
ſo gut wie an den Geiſt, und wenn Du den ganzen Som⸗ mertag ohne Leibesbewegung verſtreichen läßt, ſo wirſt Du bald finden, daß der Verſtand unter der Laſt körperlicher Schwäche erlahmt und der Geiſt die Flügel hängen läßt. Ich will ſpazieren gehen: komm mit, und wir wollen uns unterwegs über hohe Dinge beſprechen.“
„Studiren iſt meine Pflicht und meine Aufgabe, Sir,“ erwiederte der Knabe;„ſo ſagt mein Vater, ſo habt Ihr mir oft geſagt, und was die Geſundheit anlangt, da fürchte ich Nichts. Wenn ich vom Leſen, beſonders ſolcher Bücher, aufſtehe, bin ich immer ganz erfriſcht; nur wenn ich lange ausgeritten oder gegangen bin, fühle ich mich ermüdet.“
„Ein Beweis, daß Du mehr gehen oder reiten ſollteſt,“ bemerkte der alte Mann.„Komm, nimm Hut und Mantel. Du darſſt heute nicht weiter leſen; andere Gedanken ſtehen Dir bevor. Du weißt, Philipp,“ fuhr er fort,„daß wir durch's Leſen nur Materialien ſammeln, die wir zum Auf⸗ richten eines Gebäudes in unſerem eigenen Geiſte benützen müſſen. Wenn wir all unſere Gedanken nur von unſern Vorgängern entlehnen, ſo werden wir zu Räubern an den Todten und leben nur von fremder Mühe.“
„Aeltere Söhne, welche eine Erbſchaft antreten, um die ſie ſich nicht bemüht haben,“ verſetzte der Knabe lachend.
„Noch ſchlimmer als das,“ erwiederte der Geiſtliche, „denn wir ſammeln, was wir nicht richtig verwenden— was wir zwar alles Recht zu beſitzen haben, aber unter der einzigen Bedingung, daß wir es gut gebrauchen. Jeder Menſch von Geiſt iſt verbunden, ſeinen eigenen Verſtand zu


