96
Ungeachtet Kandia heut zu Tage weuig geachtet wird, ſo ſind doch die Mauern derſelben ſehr gut und wohl befeſtigt. Dieſe ſind aber ein Werk der Vene⸗ tianer: denn die Tuͤrken haben kaum die Breſchen der letzten Belagerung ausgebeſſert.
Die Gegend um die Staͤdt beſteht aus großen, fruchtbaren Ebenen, wo alle Arten des Getreides wach⸗ ſen. Hier war der Wohnſitz des Haly Paſſa, eines wolluͤſtigen Mannes, welcher in dem letzten Kriege neun Monate lang Groß⸗Vezier war. Mahomed III. beſchuldigte ihn, er ſey zu gut; der Vezier geſtand ſolches ein, und bat Seine Hoheit, ihm dieſe große Laſt abzunehmen, welches auch augenblicklich geſche⸗ hen iſt. Einige Jahre ſpaͤter wurde er zum Vize⸗Koͤ⸗ nig von Kandia ernannt, wo er von einer Krank⸗ beit, die ſich ohne Queckſilber nicht heilen laͤßt, vie⸗ les auszuſtehen hatte. Da den Griechen dieſes Mittel nicht bekannt war, ſo wurde ein irlaͤndiſcher Wund⸗ arzt berufen, der ſich zufaͤllig auf Kandia befand. Dieſer verordnete, gerade zur rechten Zeit, die Spei⸗ chel⸗Kur. Der Vize⸗Koͤnig, der in Todesgefahr in ſeyn glaubte, ließ ſeinen Rath zuſammen rufen, um ſich zu bereden, was dieſem Menſchen fuͤr eine Strafe auferlegt werden ſollte? Er war auch der erſte, der ihn zu 200 Stockſchlaͤgen verurtheilte. Der Rath aber, kluͤger als er, war der Meinung, daß man den Wund⸗ arzt ſollte fortfahren laſſen, nachdem er die Kur einmal angefangen haͤtte. In der That wurde der Kranke


