— 32—
Der Schulmeiſter gilt in der Regel gewoͤhnlich fuͤr einen ziemlich wichtigen Mann in dem weibli⸗ chen Kreiſe der Dorfbewohner, und man haͤlt ihn fuͤr ein Stuͤck von einem geſchaͤftloſen Vornehmen, der den rohen Bauerburſchen an Geſchmack und Geiſt unendlich uberlegen iſt, und in Gelehrſamkeit nur dem Pfarrer nachſteht. Seine Erſcheinung macht daher eine ungewoͤhnliche Bewegung am Theetiſche in ei⸗ nem Pachterhauſe, und es wird ein Teller mit Ku⸗ chen, oder Zuckerwerk mehr aufgetiſcht, oder viel⸗ leicht gar mit der ſilbernen Theekanne geprahlt. Unſer Gelehrter hatte daher ein beſonderes Gluͤck, die laͤchelnden Blicke aller Landmaͤdchen auf ſich zu ziehen. Wie glaͤnzte er unter ihnen auf dem Kirch⸗ hofe an Sonntagen! Da pfluͤckte er ihnen bald Trau⸗ ben von den wilden Reben, die ſich um die umſte⸗ henden Baͤume ſchlangen, las zu ihrer Unterhaltung alle Grabſchriften auf den Leichenſteinen, oder ſchlen⸗ derte mit einem ganzen Schwarme laͤngs dem Muͤhlen⸗ teiche, waͤhrend die bloͤderen Landtoͤlpel ſchuͤchtern nach⸗ ſchlichen, ſeine hoͤhere Feinheit und Geſchicklichkeit beneidend. 3
Bei ſeiner, faſt unſeßhaften Lebensweiſe war er eine Art von wandernder Zeitung, und trug den gan⸗
zen Vorrath von Klatſchgeſchichten der Umgegend von
Haus zu Haus, weßhalb denn ſeine Erſcheinung im⸗
mer ſehr willkommen war. Die Weiber achteten ihn
uͤberdieß als einen Mann von großer Gelehrſamkeit,
——


