Druckschrift 
Ruy Blas : Drama in fünf Handlungen / von Victor Hugo. Dt. von C. Dräxler-Manfred
Einzelbild herunterladen

10

als an ſich ſelbſt. Jeder trachtet jetzt ohne Mitleid mit dem Lande, in einer ſicheren Ecke des allgemeinen Elends ſich ein Häuflein Glück aufzuſammeln. Man iſt Höfling, man iſt Miniſter, und ſucht glücklich und mächtig zu werden. Man hat Geiſt, wendet ihn zum Schlechten an und gewinnt Erfolge dabei. Orden, Würden, Stellen, Geld, man ſucht, man nimmt, man plündert alles. Es gibt nichts mehr als Ehrgeiz und Habſucht. Die geheime Zerriſſenheit, die aus ſolcher menſchlichen Entartung ent⸗ ſteht, birgt man hinter täuſchendem äußeren Ernſt; und da ein Leben, das nur auf eitlen Wahn und die Selbſt⸗ gefälligkeit des Stolzes ausgeht, vor allem ein Vergeſſen des natürlichen Gefühles bedingt, ſo wird man roh und grauſam. Kömmt plötzlich der Tag der Ungnade heran, ſo zeigt ſich in dem gefallenen Höflinge meiſt ein Unge⸗ heuer, der Menſch iſt zum Teufel geworden.

Derſelbe unglückliche Stand der allgemeinen Ange⸗ legenheiten, treibt die andere Hälfte des Adels, die edlere und beſſere, auf anderen Weg. Sie zieht ſich zurück auf ihre Güter, Schlöſſer und Herrſchaften. Sie will nichts vom Geſchäftsgange hören, denn ſie vermag nichts mehr, das Ende der Welt naht heran; wozu hart dabei ſein und ſich troſtlos geberden? Beſſer iſt's ſich zerſtreuen, die Augen zudrücken, leben, trinken, lieben und ſich erluſtigen. Wer weiß, hat man noch ein Jahr vor ſich? Nach ſolcher