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Oden und vermischte Gedichte / Victor Hugo. Dt. von Ferdinand Freiligrath
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dem Geſetze ſeiner Natur, der Letzte nach den Regeln ſeiner Schule. Dem Einen iſt die Kunſt eine Inſpira⸗ tion, dem Andern eine Wiſſenſchaft. Mit zwei Worten— und wir widerſprechen dem nicht, was man nach dieſer Bemerkung über die beiden, klaſſiſch und roman⸗ tiſch genannten Literaturen urtheilen wird— mit zwei Worten: die Regelmäßigkeit iſt der Geſchmack der Mit⸗ telmäßigkeit, die Ordnung iſt der Geſchmack des Genie's.

Es ſpricht von ſelbſt, daß die Freiheit niemals zur Anarchie werden darf; daß die Originalität in keinem Falle der Incorrektheit zum Vorwande dienen kann. Je kühner der Entwurf eines literariſchen Werkes iſt, um ſo tadelloſer muß ſeine Ausführung ſein. Wenn ihr auf andere Art Recht haben wollt, als die Andern, ſo müßt ihr zehnmal Recht haben. Je mehr man die Rhe⸗ torik verachtet, deſto mehr ziemt es ſich, die Grammatik in Ehren zu halten. Man muß Ariſtoteles nur entthro⸗ nen, um Vaugelas herrſchen zu laſſen; man muß Boi⸗ leau's art poetique, wenn auch nicht der Principien, doch wenigſtens des Styles willen lieben. Ein Schriftſteller, dem die Nachwelt nur irgend am Herzen liegt, wird un⸗ abläſſig ſeine Diction zu reinigen ſuchen, ohne jedoch den eigenthümlichen Charakter zu verwiſchen, durch welchen ſeine Weiſe, ſich auszudrücken, die Individualität ſeines Geiſtes offenbart. Sonſt iſt die Neuerungsſucht nur eine traurige Hülfsquelle für die Ohnmacht. Sprachfehler machen niemals einen Gedanken, und der Styl iſt wie der Cryſtall: in ſeiner Reinheit liegt ſein Glanz.