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Oden und vermischte Gedichte / Victor Hugo. Dt. von Ferdinand Freiligrath
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muß, ſich dennoch ängſtlich zu hüten hat, die falſchen Far⸗ ben, deren ſich der Dichter zuweilen bedient, zu adoptiren.

Noch eine Bemerkung! Wenn die Literatur des großen Jahrhunderts Ludwig's XIV. das Chriſtenthum angerufen hätte, ſtatt die heidniſchen Götter zu verehren; wenn ſeine Dichter das geweſen wären, was die Dichter der erſten Zeiten waren: Prieſter, welche das Große ihrer Religion und ihres Vaterlandes beſangen, ſo würde der Triumph der ſophiſtiſchen Doctrinen des letzten Jahrhunderts weit ſchwieriger, vielleicht ſelbſt unmöglich geweſen ſein. Bei den erſten Angriffen der Neuerer würden die Religion und die Moral in das Heiligthum der Wiſſenſchaften, in den Schutz ſo vieler großer Män⸗ ner ſich geflüchtet haben. Der Geſchmack der Nation, gewohnt, Ideen der Religion und der Poeſie nicht zu trennen, würde jeden Verſuch einer irreligiöſen Poeſie

daß das wahre Talent die Regeln mit Recht als die Grenze, die es niemals überſchreiten, nicht aber als den Fußſteig betrachtet, dem es immer folgen ſoll. Sie führen den Gedanken unaufhörlich zu einem einzigen Ziele zurück, dem Schönen; aber ſie beengen ihn nicht. Die Regeln ſind in der Literatur, was die Geſetze in der Moral: ſie können nicht Alles vorausſehen. Ein Menſch wird nie⸗ mals für tugendhaft gehalten werden, weil er ſein Thun und Laſſen auf die Beobachtung des Geſetzbuches beſchränkt hat. Ein Dichter wird nie für groß gehalten werden, weil er ſich begnügt hat, nach den Regeln zu ſchreiben. Die Moral iſt nicht Reſultat der Geſetze, ſondern der Religion und der Tugend. Die Literatur lebt nicht allein durch den Geſchmack; ſie muß auch durch die Poeſie belebt und durch den Genius befruchtet werden.