— 275—
zu berühren. Dann drückte er ſie wieder heftig, als ſein Gut, ſeinen Schatz, an ſeine eckige Bruſt, als wäre er die Mutter des Mädchens. Sein Gnomenauge ſenkte ſich bald auf ihre Geſtalt, voll Zärtlichkeit, Schmerz und Mitleid, bald aber erhob es ſich plötzlich voll Blitze. Die Frauen lachten und weinten, die Menge jauchzte; denn in dem Augenblicke zeigte Quaſimodo eine eigenthümliche Schönheit. Er, die Waiſe, das Findelkind, der Auswurf der Menſchheit war ſchön; er fuͤhlte ſich erhaben und ſtark; er blickte der Geſellſchaft, aus der er verbannt war, in die er mit ſolcher Gewalt eingriff, in's Antlitz; er empfand, wie er der menſchlichen Gerechtigkeit die Beute entriſſen hatte, wie jene Tiger, Richter, Sbirren, Herren, mit den Zähnen im Leeren knirrſchten, wie er die Macht des Königs, er, aus der Hefe des Volkes, mit Gottes Kraft zerbrach.
Auch war es rührend, wie Schutz einem ſo unglück⸗ lichen Weſen von einem ſo mißgeſtalteten zu Theil ward, wie Quaſimodo eine Verurtheilte rettete. Das äußerſte Elend der Geſellſchaft berührte und unterſtützte ſich hier.
Nach einigen Minuten des Triumphes ſtürzte Qua⸗ ſimodo plötzlich mit ſeiner Laſt in die Kirche hinein. Das Volk, welches jede Heldenthat zu lieben pflegt, folgte ihm im dunklen Schiff mit dem Blick, und bedauerte, daß er ſich ſo ſchnell ſeinem Zuruf entzog. Plötzlich ſah man ihn am äußerſten Punkte der Königs⸗Gallerie wie⸗ der zum Vorſchein kommen; er durchlief ſie wie wahn⸗ 18*


