Teil eines Werkes 
2. Theil (1836)
Einzelbild herunterladen

— 268—

Die Unglückliche, verſtörten Sinnes, ſchien Geſicht und Vorſtellung im Innern der Kirche zu verlieren. Ihre bleichen Lippen regten ſich wie zum Gebet, und als ein Henkersknecht auf ſie zutrat, um ihr vom Karren hinabzuhelfen, hörte er, wie ſie mit leiſer Stimme ſprach:„Phoebus!“

Man band ihr die Hände los, und ließ ſie vom Karren mit der auch losgebundenen Ziege hinabſteigen, die aus Freude, frei zu ſein, laut meckerte. Dann mußte ſie barfuß auf dem harten Pflaſter bis zu den Stufen gehen. Der Strick um ihren Hals ſchleppte hinter ihr her und glich einer ihr folgenden Schlange.

Da hörte der Geſang in der Kirche auf. Ein gro⸗ ßes goldenes Kreuz und eine Reihe Wachskerzen ſetzten ſich im Dunkel in Bewegung. Man hörte die Helle⸗ barden der bunt gekleideten Thürſteher ſchallen, und nach einigen Augenblicken zeigte ſich eine Proceſſion von Prie⸗ ſtern in Meßgewändern und von Diakonis in Dalma⸗ tiken, die mit ernſten Pſalmen auf die Verurtheilte zuging, den Blicken der Menge. Esmeralda's Blick aber weilte nur auf dem, der voranging, unmittelbar hinter dem Kreuzträger.„Ach,“ ſprach ſie bebend,„der Prie⸗ ſter iſt es wieder!“

Der Archidiakonus war es wirklich. Rechts von ihm ging der Unterſänger und links der Sänger mit dem Stabe ſeines Amtes. Er trat vor mit rücklings gebo⸗ genem Haupt, mit ſtarren, offenen Augen, und ſang: