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nommen, wo dieſe Geſchichte ſich ereignete. Schon oft entfloh ein Chorknabe erſchreckt, wann er ihn in der Kirche allein antraf, ſo unheimlich und durchdringend war ſein Blick. Oft vernahm ſein Nachbar im Chor⸗ ſtuhl, wie er in den einfachen Geſang ad omnem tonum ſonderbar klingende, unverſtändliche Parentheſen miſchte. Die Wäſcherin des Terrain, deren Amt es war, für das Kapitel zu waſchen, hatte nicht ohne Schaudern Spu⸗ ren von Nägeln und Fingern im Chorhemd des Herrn Archidiakonus bemerkt.
Uebrigens verdoppelte er ſeine Strenge, und hatte nie einen ſtrenger exemplariſchen Lebenswandel geführt. Stand und Charakter hatten ihn ſtets von den Frauen entfernt gehalten; jetzt ſchien er ſie mehr, als jemals, zu haſſen. Bei dem Rauſchen eines ſeidenen Frauenrocks zog er die Kapuze über die Augen. So ſtreng war er in ſeiner Zurückhaltung, daß, als die Dame von Beaujeu, Tochter des Königs, im December 1481 das Kloſter Notre⸗Dame beſuchen wollte, er ſich mit Ernſt ihrem Eintritt widerſetzte, und den Biſchof an ein Statut des Schwarzen Buchs von 1334 erinnerte, welches den Zutritt„jeglicher Frau, jeglichen Alters und jeglichen Standes“ unterſagt. Hierauf war der Biſchof genöthigt, ihm die Ordonnanz des Legaten Odo zu citiren, welcher einige hohe Damen davon ausnimmt:„aliquae magnates mulieres quae sine scandalo evitari non possunt.“
Und dennoch blieb der Archidiakonus bei ſeinem Proteſt


