Teil eines Werkes 
1. Bd. (1857)
Entstehung
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biegeln; dann kannſt Du ſchmuck zur Kirche gehen und wirſt unſerm Herrn Paſtor gegenüber ſitzen, friſch und ſauber, wie ein neu ausgeputztes Haus, wo ſie daran geſchrieben haben: renovatum anno Domini ſo und ſo wiel; drei rothe Kreuze darunter. Wenn Du nur um Alles in der Welt nicht ſo viel weinen wollteſt, wie ich den Rücken kehre; dann wär's noch beſſer; denn die Thränen haben Dir ſchon Furchen gebiſſen in beide Wangen, gerade wie der Regen in unſeren Dachgiebel, ſo gegen Abend ſteht. Sei doch vernünftig, Alte, und mach' mir nicht ſo viel Verdruß. Ich kann doch nicht den ganzen Tag bei Dir ſitzen, um Acht zu geben auf Dich und Dir vorzuſingen, wie einem kleinen Kinde? Mit ſechszig bis ſiebenzig Jahren könnteſt Du ſchon genug Verſtand haben, um manchmal ein Stündchen ohne Aufſicht zu bleiben? Und wenn Du nicht gut thuſt, werde ich Dir eine derbe Ruthe flechten, ſo wahr ich Anton heiße und ein berühmter Korbmacher in Liebenau bin.

Da lachte die Mutter Gokſch über ſein albernes Ge⸗ plauder, daß ihr beinahe wieder die Thränen über beide Backen gelaufen wären, und kichernd rief ſie:Ach, wenn Deine Mutter Dich ſo ſehn könnte! Aber kaum hatte ſie's geſagt, als ſie wirklich zu weinen anfing; diesmal jedoch ſo innig und ſanft, daß der ehrliche Anton ein Bißchen mitweinte, denn das geſchah ihm jedesmal, wenn ſeiner Mutter gedacht wurde, deren er ſich aus den erſten Monden ſeiner Kindheit zu erinnern wähnte, wie eines glänzenden Traums. Augenblicklich ließ er von ſeinen Scherzen ab. Mit feierlichem Ernſte ſetzt' er ſich