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über dieſe nächtliche Poſt, ſeinem Herrn das kleine winzige Ding hineintrug.„Das ſoll“— ſprach er zögernd—„die Antwort ſein von der Frau Baronin?“
Der Graf, ſichtlich bemüht, ſeine geſpannte Er⸗ wartung nicht zu verrathen, fragte wie gleichgiltig: „Warum ‚ſolle es denn nur?“—
Worauf Lobeſam erwiederte:„Erzellenz, ich bitte, eine ſo kleine Antwort auf einen ſo großen Brief?“
„Es kommt darauf an, was drin ſteht?“ ſprach der Graf und ließ die Zwergepiſtel unberührt liegen, bis die Nachtmütze ſammt Inhalt das Zimmer ge⸗ räumt.—
Dann aber...
Wer hat nicht ſchon, wenigſtens doch einmal im Leben, einen Brief zu entſiegeln gehabt, von dem gleichſam Tod und Leben abhing? Wohl demjenigen, der die Empfindung nicht an ſich erfuhr, die da⸗ bei vorherrſcht. Sie iſt fürchterlich. Die Qual weni⸗ ger Minuten gräbt ſich dem Zögernden ſo tief ins Herz, daß ihre Nägelmale lange noch ſchmerzen, auch im günſtigſten Falle. Manche Menſchen ſchieben die Entſcheidung hinaus; laſſen ein wichtiges Schreiben uneröffnet, um ſich die Nacht nicht zu ſtören, um ſich das Vergnügen einer luſtigen Geſellſchaft nicht
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