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Die gute Frau, die ſich in des Wohlthäters Seele gekränkt fühlte, daß eine Dame, welche ihm ſo nahe befreundet ſchien, hinter ſeinem Rücken ihn faſt ver⸗ leugnen wolle, legte es darauf an, ihre Klage vor⸗ zubringen, lauerte ihm auf, als er eiligſt in einen der menſchenleeren Waldpfade einbog, und warf ihm, mit tauſend Entſchuldigungen, vor Verlegenheit faſt ſprachlos, das ‚unverzeihliche Betragen der vorneh⸗ men, falſchen Schlange’ in ſeinen Weg, als ob, was jene geſagt hatte, nicht ein nichtsſagender Redeſatz, ſondern eine wirkliche, lebendige Schlange ſei! Der Graf dankte für die ‚gütige Meinung,“ erzwang ſcherzende Gleichgiltigkeit, entfernte ſich raſch, nahm
jedoch beſagte Schlange mit und erwärmte ſie recht
vorſorglich an ſeiner, vom heftigſten Herzensſchlage pochenden Bruſt. Anſtatt ſich der beruhigenden Ueber⸗ zeugung zu getröſten, daß auch die wohlmeinendſte, einfachſte Frau unfähig ſei, derlei Zitate unvermehrt und ohne Uebertreibung weiter zu fördern, gefiel es ſeinem Argwohn, anzunehmen, was die Baronin in Wirklichkeit ausgeſprochen, ſei viel ſchlimmer, und nur die friedfertige Paſtorin habe es aus Beſcheiden⸗ heit gemildert. So gewärmt, genährt, gepflegt mußte die Schlange immer dicker anſchwellen, mußte ſich giftgebläht um des Beleidigten Herz ringeln. Er


