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„Und doch, liebe Mutter, mußt du einen Verſuch machen und zu Herrn Bolten gehen,“ ſagte Leo.»Er i*ſt ein reicher Mann, und kann unmöglich unbarmherzig gegen die arme Wittwe eines Mannes ſein, der ihm rechtſchaffen gedient, und in ſeinem Dienſte das Leben verloren hat. Geh' zu ihm, liebe Mutter. Gewiß ſind es nur ſeine vielen Geſchäfte, die ihn verhindert haben, dich zuerſt aufzuſuchen.“
„Frau Trudchen, welche die Welt und die Menſchen beſſer konnte, als ihr Sohn, ſchüttelte zwar immer noch zweifelnd den Kopf, aber ſie entſchloß ſich doch, dem Andrängen Leo's nachzugeben, und einen Verſuch bei Herrn Bolten zu machen. Sie kleidete ſich ſäuberlich an, und ging hinüber. Aber ſchon nach einer Viertel⸗ ſtunde kehrte ſie mit betrübter Miene zurück, und Thrä⸗ nen ſtanden in ihren Augen, als ſie zu Leo in die Stube trat.
„Du haſt umſonſt gebeten, Mutter 2 rief der Knabe ihr entgegen.„Unmöglich!“
„Ach, mein Sohn, du kennſt die Herzen der Men⸗
ſchen noch nicht,“ erwiederte Frau Trudchen.»Es gibt
ſo viele darunter, die härter ſind als Eiſen und Stein. Von Herrn Bolten haben wir nichts zu hoffen. Kurz und barſch hat er mich aus ſeinem Comptoir ge⸗ wieſen. Ungluͤckliche Frau, die ich bin! Was ſoll nun aus mir, was aus dir werden, Leo?“
In Thränen ausbrechend ſank die arme Frau auf einen Stuhl, und verbarg ihr Geſicht in den Händen. Von Schmerz und Zorn erfüllt, ſchlang Leo ſeinen Arm um ihren Hals.
„Weine nicht, Mütterchen! Sei ruhig!“ ſagte er mit weicher, ſchmeichelnder Stimme.„Der alte Gott
Tüchtig und untüchtig. 6


