Druckschrift 
Schmulche-Leben : eine Erzählung für meine jungen Freunde / von Franz Hoffmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

der Troſtloſigkeit, daß augenblicklich das höhniſch⸗bittere Lächeln von den Lippen des Judenknaben verſchwand, und dem früheren Ausdrucke des Mitleids und der Theilnahme Platz machte. Er ſtand auf, ſetzte ſich neben den Chriſtenknaben und reichte ihm die Hand. Sei nicht böſe, ich wollte dich nicht kränken, ſagte er.Du biſt arm, wie ich, un lücklich, wie ich, hungrig

und elend, wie ich, und die Armen, die Unglücklichen,

die Elenden ſollten immer und überall Freunde ſein,

denn das Unglück macht Alles gleich, auch die Chri⸗ ſten und Juden. Aber du haſſeſt die Juden! Nicht

ahr? 3

Haſſen? Warum ſollte ich ſie haſſen? Die Juden haben mir nichts zu Leide gethan!

Aber du, du haſt ihnen etwas zu Leide gethan! Läugne es nicht! Früher, als du noch nicht ſo arm wareſt, als jetzt. Geſteh' es nur, da haſt du die

Judeniungen geſchimpft, gehöhnt, geſchlagen, getreten! Wie? MNiemals, niemals! erwiederte der blauäugige Knabe ſanft.Warum klagſt du mich an, und be⸗ ſchuldigſt mich ſolcher Dinge? Ich bin mir keiner Bos⸗ heit bewußt, die ich jemals verübt hätte, ſei es gegen Juden oder Chriſten. Sind wir nicht Alle Menſchen und gleich vor den Augen des Herrn, der uns er⸗ ſchaffen hat?« Oh, das iſt wahr, und ich glaube dir, daß du aauch denkſt, was du ſagſt! ſprach der Judenknabe

lebhaft. Wie heißt du 2

, Ich heiße Andreas Romieu.

3Gut, Andreas! Laß uns gute Freunde ſein, An⸗ dreas. Willſt du?«

C