23
„Hier iſt der Schlüſſel,— geh' und ſuche! Ich will dich nicht daran hindern.“
„Mit Begierde ergriff ich den Schlüſſel und eilte fort nach dem Archiv, das in einem feuerfeſten Gewölbe in einem der dicken Thürme, die Schloß Hoheneck flan⸗ kiren, beſteht. Ich ſah noch im Hinausgehen, daß Rolf mir einen höhniſch triumphirenden Blick nachſchickte, und mit Schrecken dachte ich daran, daß Rolf wohl gar die Urkunde vernichtet haben könnte. Aber der Gedanke, daß die Abſchrift davon im Treutlingen'ſchen Archive liegen müſſe, gewährte mir wieder Troſt. Als ich das Gewölbe betrat, wo die alten Pergamente und Briefe aufbewahrt wurden, überlief mich ein kalter Schauder. Es war kein Wunder; die widrige, feuchte, eingeſchloſ⸗ ſene Luft berührte mich unangenehm. Doch achtete ich nicht weiter darauf, denn ich hoffte noch immer, das Dokument zu finden, welches meine Anſprüche begrün⸗ det. Die feuerfeſte, eiſenbeſchlagene Thür des Archivs ließ ich hinter mir offen ſtehen, damit stwas beſſere Luft in das Gewölbe eindringen könne, und ging mit Eifer an das Durchſuchen der Pergamente. Da auf einmal ſchlug die Thür krachend hinter mir zu, das Schloß raſſelte, und ein lautes Hohngelächter erſchallte draußen. Mein Bruder war es, der mich verlachte, weil ich ſo blind in die von ihm geſtellte Falle gegangen war. Als eine ſolche glaubte ich das feſte Archiv natürlich be⸗ trachten zu müſſen.
„Gleichwohl gewann ich ſchnell meine ruhige Faſ⸗ ſung wieder. Ich wußte, daß ein paar Dutzend Dienſt⸗ leute von Seltenberg auf Burg Hoheneck anweſend waren, und auf deren Beiſtand konnte ich mit Sicher⸗ heit zählen. Alſo ſetzte ich unbeſorgt meine Nachfor⸗


