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Das große Loos : eine Erzählung für meine jungen Freunde / von Franz Hoffmann
Entstehung
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ich hungerte einige Tage und fühlte mich dabei ganz zerknirſcht vor lauter Reumüthigkeit, bis ich zuletzt wieder friſchen Muth faßte, indem ich mich der Worte erinnerte, die du eines Tages zu mir geſagt hatteſt: Um glücklich zu ſein muß der Menſch arbei⸗ ten und redlich ſeine Pflicht thun! Gut, du willſt arbeiten! ſprach ich zu mir ſelbſt, und ſofort ſchritt ich zur Ausführung meines Vorſatzes. Nach manchem vergeblichen Gange fand ich endlich eine Stelle als Schreiber bei einem Advokaten, und als Solcher ſiehſt du mich nun hier vor dir. Der Poſten bringt nicht viel ein, aber ich lebe, und, im Grunde genom⸗ men, lebe ich glücklicher als zuvor. Ich habe die Eitel⸗ keit der Welt und den Segen der Arbeit kennen, ſchätzen und würdigen gelernt. In den anderthalb Jahren als Advokaten⸗Schreiber hab' ich mir nicht halb

ſo viel Vorwürfe und Gewiſſensbiſſe machen müſſen,

als ſonſt in einer Woche, wo ſich mein beſſeres Selbſt doch immer gegen meine Leichtfertigkeit empörte. Mit einem Worte, Georg, ich lebe in Armuth, aber ich lebe nicht unglücklich, denn das Bewußtſein, jetzt wenigſtens ein nicht ganz unnützes Glied der menſchlichen Geſell⸗ ſchaft zu ſein, gibt mir Troſt und Kraft, manche Ent⸗ behrung zu ertragen.

»Das freut mich zu hoͤren, ſagte Georg freundlich. »Gleichwohl, bei deinen Kenntniſſen und Talenten iſt deine jetzige Stellung doch eine ſehr unpaſſende. Hm! Du ſcheueſt alſo die Arbeit nicht mehr, Richard?«

»Nein, Georg! Im Gegentheil, ich arbeite recht⸗ ſchaffen. Tauſend Mal habe ich deiner gedacht, und gründlich eingeſehen, wie recht du hatteſt, als du mich zu einem thätigen Leben ermahnteſt. Ich war ein