106
„Deſto mehr verdient er's!« entgegnete Frau Willig.
„Ei nun, was der Menſch wirklich verdient, das läßt ihm der liebe Gott gewöhnlich auch zu Theil wer⸗ den! Alſo warten wir's ruhig ab; Frau Muhme!“
„Was Gott will, daß geſchehen ſoll, geſchieht auch ohne unſer Zuthun.“
Frau Willig war nicht ganz zufrieden mit der Lauig⸗ keit des Vetters, aber ſie mußte ſich trotz dem dabei beruhigen. Der alte Kammerdiener kannte ſeinen Bo⸗ den, und ließ ſich zu keinem übereilten Schritte fort⸗ reißen. Auch zeigte ſich bald darauf, daß er ganz rich⸗ tig gerechnet hatte.
Eines Tages, wenige Wochen nach dem mitgetheil⸗ ten Geſpräche, verbreitete ſich das Gerücht in der Stadt, der Erbprinz ſei plötzlich ſehr gefährlich erkrankt, und man hege die größten Beſorgniſſe um ihn. Der Erb⸗ prinz war ein reizender Knabe. von zwölf Jahren, den alle Welt liebte und hätte auf Händen tragen mögen, weil er ſelber gegen alle Welt freundlich und liebreich war. Die ganze Stadt wurde daher in Betrübniß und Trauer verſetzt, als das anfänglich noch bezweifelte Gerücht von der Bedenklichkeit ſeiner Krankheit ſich wirklich beſtätigte.
„Wenn nur wenigſtens der Doktor Heine mit zu Rathe gezogen wird,« ſagten Viele.»Das iſt ein Mann, dem kann man Vertrauen ſchenken!“
Die meiſten Einwohner der kleinen Reſidenz, ſpra⸗ chen oder dachten ſo, aber der Geheimerath, der jetzt auf einmal wieder eine höchſt wichtige Perſon geworden war, theilte die Meinung der guten Leute keineswegs. Doktor Heine wurde nicht zu Rathe gezogen, und ſelbſt,


