5
98
Knabe um Erbarmen und Mitleiden. Er hatte ſich ergeben; auf menſchliches Erbarmen rechnete er nicht mehr; er hoffte nur auf die Barmherzigkeit Gottes, auf einen ſanften Tod, und auf den ewigen Frieden im Jenſeits.
Die Commiſſaire, welche den Prinzen bewachen mußten, waren grauſam, wenn nicht von Natur, ſo doch aus Furcht. Bei dem Einbruch der Nacht gingen ſie hinauf nach dem Stalle des jungen Wolfes, um ſich zu überzeugen, daß er nicht entflohen oder entführt ſei. Antwortete er nicht auf die barſchen Anrufe ſeiner
hter, ſo öffnete man ſofort mit großem Geräuſch
Gitter vor dem Schieber, und ſchreckliche Stimmen Aefen:„Capet, Capet, ſchläfſt du? Wo ſteckſt du denn? Stehe auf, Natter!«— Das ſo aufgeſchreckte Kind ſtieg aus ſeinem elenden Bette, und kam mit zitternden Füßen, die kälter waren, als der feuchte Fußboden, auf dem er ſich fortſchleppte, an das Gitter, und antwor⸗
tete mit ſanfter Stimme:„»Hier bin ich!«—„Komme
näher, daß ich dich ſehe! rief der Wächter und leuch⸗
tete mit der Laterne in den Kerker.„Jetzt iſt's gut! Geh' wieder zu Bett!«
Ein paar Stunden ſpäter klirrten von Neuem die Riegel, andere Commiſſaire kamen, und abermals wurde das Kind aus dem Schlafe aufgeſchreckt, und mußte halb nackt und zitternd vor Kälte und Furcht die Fra⸗
geen ſeiner Henker beantworten.
So viele Qualen erſchöpften endlich die Seele und den Körper des unglücklichen Prinzen. Die Beraubung der friſchen Luft, die Verlaſſenheit, die Einſamkeit hat⸗ ten ihm das Herz ausgetrocknet. Nicht einmal Thrä⸗ nen fand er mehr. Seine ſchwachen Hände konnten


