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Ein Königssohn : eine Erzählung für meine jungen Freunde / von Franz Hoffmann
Entstehung
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in der That Gefangene des Volkes und der National⸗ Verſammlung, und die zahlreichen Kerkermeiſter be⸗ nahmen ſich ſo roh und rüͤckſichtslos gegen ihre Ge⸗ fangenen, daß ihr Zuſtand bald unerträglich wurde. Die unerhörte Geduld und Güte des Königs diente nur dazu, die Anklagen und Verläumdungen ſeiner Feinde zu vervielfältigen. Selbſt die Königin konnte nicht mehr zum Fenſter hinausſehen, ohne ſich eine Beſchimpfung zuzuziehen und bitter geſchmäht zu werden. Das Joch wurde ſo ſchwer, daß nichts weiter übrig blieb, als ſich demſelben zu entziehen, oder es mit Ge⸗ walt zu zerbrechen. Das gütevolle Herz des Königs konnte ſich nicht zu Letzterem entſchließen, da es nicht ohne Blutvergießen abgegangen wäre. Er beſtimmte ſich zur Flucht, und die nöthigen Vorbereitungen wurden dazu getroffen. Man beſchloß, in die Mitte eines Lagers in einer Gränzſtadt zu flüchten und von dort aus mit der übermüthigen National⸗Verſammlung zu verhandeln.

Nicht gänzlich fehlte es dem Könige an treuen Herzen. Mit dem Marquis von Bouillé war er über einen geheimen Briefwechſel in Chiffern übereinge⸗ kommen. Bouillé war Generallieutenant und führte den Oberbefehl über ein beträchtliches Armeekorps. Unter ſeinem Commando ſtanden die Truppen in der Champagne, im Elſaß und Lothringen, und er deckte alſo die Gränzen Frankreichs von der Schweiz bis zur Moſel und Sambre. Zwiſchen ihm und dem Könige wurde beſtimmt, daß der Letztere ſich nach Montmedy, einem nahe an der Gränze gelegenen feſten Platze begeben ſollte.

Der Marquis von Bouillé hatte vorgeſchlagen,

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