Druckschrift 
Jung gewohnt, alt gethan : Eine Erzählung für meine jungen Freunde / von Franz Hoffmann
Entstehung
Einzelbild herunterladen

ſchon geſehen? Lebt er hier in der Stadt? Wer iſt er eigentlich?«

Ich ſage dir ja, eine arme Waiſe iſt er. Im vorigen Jahre hat er ſeine Mutter, vor zehn oder zwölf Tagen ſeinen Vater verloren, und ſein einſtwei⸗ liger Vormund fragt bei mir an, ob ich nicht etwas fur den armen Knaben thun wolle? Er bedürfe ſehr der Unterſtützung, ſchreibt er, denn ſein Vater habe ihm nur wenig hinterlaſſen.

Aber wer iſt er denn?« fragte Marianne lebhaft.

Sage mir dies vor Allem, Vatentin.

Er heißt Matthias Keller, ſein Vater war Calcu⸗ lator oder Regiſtrator in einer ſächſiſchen Stadt.

Die Schweſter ſchüttelte den Kopf.Haſt du denn den Vater gekannt? fragte ſie wieder.

Nein, lautete die Antwort,aber die Mutter der armen Waiſe kannte ich vor Zeiten. Sie war da⸗ mals nur noch ein Kind, aber ihr Vater war mein be⸗ ſter Freund, und deshalb empfinde ich Theilnahme an der armen verlaſſenen Waiſe, und möchte an ihr ver⸗ gelten, was ihr Großvater an mir Gutes gethan hat.

Wie hieß der Großvater?

Daniel hieß er! Mein alter, wackerer Daniel, auf deſſen Grabe nun auch ſchon ſeit Jahren das Gras wächst.

Ah, Daniel! Daniel alſo! ſagte die Schweſter

nachdenklich.Da freilich iſt es unſere Pflicht und

Schuldigkeit, etwas zu thun. Ja, ohne allen Zweifel, lieber Bruder! Aber du haſt auch wohl bedacht, was

es heißen will, einen Knaben in unſer Haus aufneh⸗ men? Welche Störung muß das in unſeren alten ſtil⸗

len Gewohnheiten herbeifuühren! Auch wüßt' ich nich

*