49
Anſicht mußte ſich das ſo fortſpinnen, von einem Tage, und von einem Jahre zum andern. Da aber trug ſich ein Ereigniß zu, das mich plötzlich aus meiner Träumerei aufſchreckte, und mich, gleich einem furcht⸗ baren Donnerſchlage, durch und durch, bis in's innerſte Herz hinein, mächtig erſchütterte.
Eines Tages nämlich, als ich wie gewöhnlich meine kleine Freundin Helene beſuchte, fand ich ſie in Thrä⸗ nen, und erfuhr auf Befragen, daß äußerſt wichtige Nachrichten aus Calcutta eingelaufen ſeien, welche das ſchleunigſte Erſcheinen des Herrn van der Hahn da⸗ ſelbſt unumgänglich erforderten. Schon in den näch⸗ ſten Tagen werde er daher mit ſeiner Familie nach Oſtindien abreiſen, und wahrſcheinlich nie wieder nach Europa zurückkehren.
Ich ſtand da, wie vom Schlage getroffen, als ich dieſe ganz unerwartete Nachricht hörte. Was damals in meiner Seele wogte und tobte, weiß ich freilich kaum noch zu beſchreiben, ſo viel aber ſteht feſt, daß mich die ſo nahe bevorſtehende Trennung von meiner einzigen Geſpielin auf das Tiefſte ergriff und betrübte. Ich konnte den Gedanken, ſie ſcheiden zu ſehen und auf immer von ihr getrennt zu ſein, kaum faſſen. Keinen Menſchen in der Welt liebte ich nur halb ſo ſehr, wie die kleine Helene! Wie eine Schweſter liebte ich ſie,— ſo herzlich und ausſchließlich, wie nur je ein Bruder ſeine Schweſter geltebt haben kann. Die Trennung von ihr,— eine Trennung noch dazu auf ewig und auf Nimmerwiederſehen erſchien mir ſchlimmer, als ſelbſt der Tod. Unwillkührlich floßen meine Au⸗ gen über, und meine heißen bitteren Thränen vermiſch⸗
S


