5 Zeit iſt gekommen, wo ich dir beweiſen muß, daß du nicht umſonſt alle deine Liebe und Sorgfalt an mir verſchwendet haſt!“
Die Mutter blickte ihn ein wenig erſtaunt an.„Was willſt du damit ſagen, Karl?« fragte ſie.
»„Ich will damit ſagen,“ erwiederte er,„daß ich mich von Stund' an beeifern werde, deinen guten Lehren und deinem Beiſpiele zu folgen!— Ja gewiß,« fuhr er fort, indem er die Hand der Mutter drückte, und ſie liebevoll anblickte,—„gewiß, das will ich thun und muß es! Erinnere dich nur, Mutter, was Alles du mich gelehrt, und wie ſo manche eindringliche Er⸗ mahnung du an mich gerichtet haſt, wenn wir die lan⸗ gen Abende, nachdem die Kleinen zur Ruhe gegangen waren, ſtill beiſammen ſaßen und auf den Vater war⸗ teten, der immer und immer nicht heimkommen wollte. Dir wurde freilich wohl die Zeit ſehr lang, wie ich recht gut an deiner betrübten und ſchmerzlichen Miene ſah, eben weil du auf den Vater warten mußteſt,— aber ich, ich verließ dich immer mit Bedauern, wenn du darauf drangeſt, daß ich zu Bett gehen ſollte und zu mir ſagteſt:„Geh', Karl! Es iſt elf, es iſt zwoͤlf Uhr,— laß mich allein, der Schlaf iſt dir nothwen⸗ dig!« Ich zögerte immer, dir zu folgen, denn ich hörte ſo gern zu, wenn du mit mir ſpracheſt, oder mir die heiligen Geſchichten aus der Bibel vorlaſeſt und mir erklärteſt, oder mit mir über die Eitelkeit aller irdiſchen Dinge redeteſt! Oh, wie oft, wie oft habe ich in je⸗ nen Stunden an meinen ſeligen Großvater gedacht und ihn geſegnet, daß er dich ſo gut unterrichtet hat, Mut⸗ ter. Jedes Wort, das du an nich richteteſt, haſchte ich von deinen Lippen, und wenn ich dabei deine


