232 Nun laßt uns ſingen das Abendlied.
fünfzig Jahre fern von dort geweſen. Ich würde den Leuten ja wie ein Geſpenſt erſcheinen und ihnen Angſt machen. Dort habe ich nichts als trübe Erinnerungen und hier— wenigſtens ſeit vielen Jahren ſchon— nichts als gute oder doch friedliche. Hier bin ich daheim, ich kann den Hinden⸗ ſtein und ſeine Waldſtille nicht mehr entbehren.“
Und ebenſo hatte ſie auch jede Veränderung ihrer Le⸗ bensweiſe, jede Vergrößerung ihres Hofſtaates abgelehnt. „Laßt uns zuſammen, wie wir ſind,“ meinte ſie„wir kennen und genügen einander, wir wiſſen mit unſern Eigenheiten Beſcheid und verſtehen unſere Vorzüge zu ſchätzen, unſere kleinen Fehler geduldig zu ertragen, alles billig zurechtzu⸗ legen. Wir ſind eine alte Geſellſchaft hier auf dem Hin⸗ denſtein, Menſchen und Thiere, Schloß und Park. Ein junges Geſicht iſt hier immer vor der Zeit alt oder blaß geworden. Davon iſt nur eins frei geblieben, aber das ge⸗ hörte auch der Einen!“ ſetzte ſie leiſe hinzu, fuhr jedoch ſogleich wieder gutgelaunt fort:„Wir brauchen hier auch
gar nichts Junges. Seit meine alte Hohenkron die Schä⸗
ferſpiele zu vergeſſen und eine Brille aufzuſetzen gewagt, liest ſie mir ſogar wieder ganz gut vor und verſteht es mit mir zu plaudern. Denn wir haben jetzt ein gemein⸗ ſames, herzliches Intereſſe.“ 8
Da war das fürſtliche Paar wieder betrübten Her⸗ zens und doch voll hoher Achtung und Ehrfurcht von der alten Frau geſchieden; ſeitdem war jedoch zwiſchen der Re⸗


