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Lorelei : eine Schloß- und Waldgeschichte / von Edmund Hoefer
Entstehung
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Es wohnet Lieb' bei Liebe. 227

um zu ſingen. Raben hatte das ausdrücklich von ihr erbeten.

Singen Sie, Eva, ſingen Sie! hatte er ihr zuge⸗ flüſtert.Wir reiten durch den Park und über die Brücke. Wenn hier herum noch irgend jemand lauſchen ſollte, wird er nur auf Sie hören und nicht auf uns. Aber ſingen Sie keine Scheidelieder!

Eva ſchüttelte lächelnd den Kopf, und nun ſaß ſie⸗ droben und folgte ſeinem Wunſche. Die Stimme drang ſo ſüß und rein durch die Nacht wie je, und niemand horchte aus ihrem Klange die Trauer eines ſchweren Her⸗ zens heraus.

Die Nacht war ſtill, der Regen rieſelte noch einförmig aus der grauen Wolkendecke herab in das Laub der Wald⸗ kronen; auf dem kleinen freien Raum jedoch, der zwiſchen dem Schloß und der Umfaſſungsmauer vor Eva's Augen lag, herrſchte trotz der ſpäten Stunde und trotz der Wolken droben eine zwar tiefe, aber noch durchſichtige Dämmerung. Der Mond mochte inzwiſchen aufgegangen ſein, und von Zeit zu Zeit kam auch über den Wald herüber von dem fernen Gewitter ein langes, geiſterhaftes Leuchten, welches Eva's Blicke noch weiter in das Dunkel dringen ließ.

Sie ſang und ſang, aber ihre Augen hafteten ſeit einiger Zeit ſtarr auf einer Stelle der Mauer drüben, und ihr Herz klopfte faſt hörbar; ſie ſah dort etwas Dunkles, das nicht zur Mauer gehörte und nicht zum Walde ſie